Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

Treppenlauf extrem: 83.808 Stufen bis zum Marathon

Menschen, die schon zuhause und im Büro jeden Tag den Fahrstuhl in den 3. Stock nehmen, werden ohnehin nur mit dem Kopf schütteln. Viele Läufer dagegen machen zwar regelmäßig Treppentraining. Doch nur die wenigsten von ihnen wagen das, was am Wochenende Sonia Isabel Goebel gemacht hat: 42,195 Kilometer treppauf und treppab zurücklegen – anders ausgedrückt: 83.808 Stufen. Unser LGM-Neumitglied berichtet vom Vertical Marathon in Hannover, der 3. Treppenhausmarathon-Weltmeisterschaft 2017:

“Um 7 Uhr sollten alle Starter zur Vorbesprechung vor Ort sein. Also ging es für Anto und mich ab 5 Uhr los von Hamburg nach Hannover. Pünktlich fing Horst an, uns alles zu erläutern. Vor lauter Aufregung habe ich gar nicht viel aufnehmen können… ich hatte unheimliche Panik, nicht genug Zeit zu haben, um mich noch an sämtlichen Körperteilen mit Vaseline einzuschmieren, was ich dann einfach mal mehr oder weniger nebenbei machte.
Oben und unten, also in den Stockwerken -1 und 12, mussten jeweils beide Füße einmal den Treppenabsatz berühren. Auf den Stockwerken 5-10 gab es für jeden Starter ein eigenes Plätzchen an Verpflegungstischen. Ich gab Anto ein paar meiner Dinge und er durfte sich auf die Suche nach meinem machen. Noch ein Gruppenfoto in den schönen Veranstaltungsshirts und dann ging es auch bald schon an den Start. Und 10, 9, 8,…..3, 2, 1 und los.

Steile Treppe: Beim Vertical Marathon ging es für Sonia Isabel Goebel 194 Mal ein dreizehngeschossiges Treppenhaus treppauf…

Einmal oben, zweimal oben, dreimal oben…ganz schön anstrengend. Aber nichts anmerken lassen und weiter machen. Die anderen sahen auch recht schnell kaputt aus, was mich beruhigte. Nach der 10. Runde etwa konnte ich mir dann auch endlich merken, dass mein Verpflegungsplätzchen in der 8 war.
Im Erdgeschoss war ein Fleck auf dem Boden, die unteren drei Absätze hatten eine dunkelblaue Farbe, die anderen ein helleres Blau. Überall hingen Banner mit der Aufschrift “Det’s Laufshop”…durch die Schriftart hätte es aber auch gut “Def” sein können. Irgendwann las ich auch mal “soup” statt “shop”. Das machte mich ganz verrückt, aber somit hatte ich wenigstens etwas zum Nachdenken. Im 5. Stock fing meine Nase fast jede Runde an zu laufen. Also fragte ich oben nach Taschentüchern, die man mir auch lieb bereit legte. Bis auf zwei Mal vergaß ich mir eins zu nehmen und ärgerte mich dann Runde für Runde, dass ich im 5. Stock keines zur Hand hatte.
Oben und unten standen einige Helfer, die die Runden manuell auf, für jeden Starter einem, an der Wand angeklebten DIN A3 Papier, notierten. Vier Spalten, also für ca. 50 Runden / 10 km eine. Oben hing meine Tabelle schön in der Mitte gut sichtbar für mich. Die unten konnte ich gar nicht sehen.

…und treppab.

Bei einem ‘Berg’-Abstieg am Wochenende der Vorwoche bin ich unglücklich auf mein Knie gefallen. Dies habe ich schon bei den vielen Höhenmetern beim Kristallmarathon (auch Vorwoche) gemerkt. Diese Stelle tat mir bereits nach der ersten Runde weh. Beim Herablaufen habe ich daher rumprobiert. Mal zwei Stufen auf einmal, irgendwann aber nur noch eine für eine, da die Konzentration einfach nachließ. Viel glich ich auch durch Hochziehen/Abstützen am Geländer aus (hinterher habe ich erfahren, dass man gerätselt hat, ob ich den Lauf beenden würde, weil man wohl dachte, ich könne nicht mehr).
Öfter lief auch Horst sehr ambitioniert im Treppenhaus herum. Oft mit einer Küchenrolle in der Hand. Habe mich jedes Mal aufs neue gefragt: Warum!?
Dann eine Durchsage: Johannes, der Titelverteidiger, ist in der 100. Runde. Jeder Starter durfte sich für die 100. und die letzte, 194. Runde, ein Lied wünschen. Johannes hatte keines. Kurz danach aber die 100. Runde für Georg und ganz laut sein Lied. Ich weiß gar nicht, welches es war, aber es berührte mich so sehr, dass mir die Tränen kamen. Irgendwann dann auch endlich mein Lied. Super motiviert rannte ich hoch und runter. Als es vorbei war, erstmal eine kleine Pause.
Meine Ernährung funktionierte einwandfrei. Es gab Kartoffeln, Salzgurken, Gels, PowerBar Riegel und zwei mal warmen Griesbrei, viel Wasser und Cola sowie Magnesium- und Salztabletten.
Irgendwann war ich mir nicht mehr so richtig sicher, ob ich im Zeitlimit bleiben kann. Die 100. Runde beendete ich nach 6,5 Stunden. Blieben also noch 8,5 für die letzten 94. Das Laufen wurde immer schwerer. Johannes war bereits in seinen letzen Runden, als ich sehr hoffte, bis dahin wenigstens im letzten Viertel anzukommen. Und dann war es so weit. Laute Musik aus “Die fabelhafte Welt der Amelie” und erneut der Sieg. Bis dahin war ich bereits in der 155 Runde.

Die Teilnehmer des Vertical Marathons 2017 mit Autorin Sonia Isabel Goebel (ganz rechts).

Ab der 160. Runde ging auf einmal gar nix mehr, Muskeln gereizt, leichte Wadenkrämpfe, Knie wollten auch nicht mehr hobsen. Laufen war also nicht mehr. Von nun an Stufe für Stufe gehen. Ich hatte noch 4 Stunden für die letzten 34 Runden, was bei meiner jetzigen Rundenzeit von ~5 Minuten locker zu schaffen sein sollte. Man kann aber ja nie wissen, also auf die Pause verzichten, Scheuklappen auf und weiter machen. Etwa 10 Runden vor Ende noch eine kurze Sitzpause, Grießbei essen und schnell weiter. Noch 8, hoch, runter, 7, hoch, runter,…. In der drittletzten auf einmal ein Adrenalinschub, in der vorletzten noch schnell das Teamshirt an und auf mit Horst mit meinem Lied in die letzte Runde uuuuund geschafft! 14:00:01 Stunden, eine Stunde vorm Zeitlimit.

Das war ein wirklich tolles Event! Ich ziehe den Hut vor allen Startern, auch wenn es diesmal leider nicht sein sollte, haben alle wirklich toll gekämpft. An Horst nochmal ein riesiges Lob!”

Text und Fotos: Sonia Isabel Goebel