Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

John Kupferschmidt: Wien, Wien, ich laufe um Wien!

“Mr. Slowrun” John Kupferschmidt, mehrfacher Mauerweglauf-Finisher und auch vielen Nicht-LGMlern durch seine “Langsam Laufen”-Sonntagsveranstaltung bekannt, hatte sich zum Saisonende 2017 nochmal etwas ganz Besonderes vorgenommen: den “Wien Rundumadum”, ein 130-Kilometer-Lauf rund herum um die österreichische Hauptstadt. Hier Johns Bericht:

“Nach den 100 Meilen 2015 war ich in ein “Läufer-Loch“ gefallen. Bei 130 km hatte ich damals keine Lust mehr, wollte mich nicht mal mehr durchquälen.  Später noch eine Knieverletzung mit OP und als ich langsam wieder mit den laufen anfing, habe ich mir beim Training einen Muskelfaserriss zugezogen. Was für ein Jahr! Nur das “Langsam laufen” und unser Mittwochstraining haben mich durchhalten lassen. 2016 dann die Brockentour, wo ich konditionell gar nicht mitlaufen hätte dürfen. Aber mit Laufen und schnellem Wandern könnte ich die 320 km beenden.

Nach einen Gespräch mit Mittwochs-Trainer Oliver über den Köln Pfad war die Idee geboren: Wir laufen Köln. Noch ein Jahr Zeit um sich vorzubereiten. Im Mai 2017 als Vorbereitung den Rennsteig und von da aus eine Woche Lauftraining im Hunsrück, als Abschluss den Hunsrück Trail. Nach den ersten 15 km das Unglück, auf einen Stein getreten, umgeknickt ,gestürzt – Bänderdehnung 6 Wochen Pause: Das war’s mit Köln.

Aber ein Ausgleich war schnell gefunden: Wien Rundumadum „Herausforderung akzeptiert“: 130 km, 1790 Höhenmeter, Zeitlimit 24h +1h (Zeitumstellung). Noch ein “Langsam mit John”-Nachtlauf und die Mauerweg-Tour, diverse Trainings-Einheiten und nun sitz ich im Flieger nach Wien.

Wien ist eine tolle Stadt, auf jeden Fall eine weitere Anreise wert. Alt, aber sauber. Habe mir das Weltmuseum Wien angesehen, einfach nur klasse. Als ich aus dem Museum kam, hat es leider geregnet und der Schirm lag trocken im Hotel. Was soll`s, beim Laufen haben wir auch keinen Schirm. Mit der U-Bahn zum Prater, der Hunger hat mich auch gepackt. Also nur ein Beweis-Foto und dann ein Restaurant gesucht und gefunden. Wiener Schnitzel so groß wie der Teller mit Pommes und Salat und dazu ein Radler, das alles für 16,20 € , was willst du mehr? Nachdem ich im Hotel wieder angekommen war, erstmal das mit den Frühstück klären, Frühstück erst ab 7 Uhr. Also noch einkaufen, denn beim Start gibt es auch nichts. Für 112€ Startkosten kann man nicht alles haben. Noch eine Stunde Zeit zum Füße hochlegen. Langsam wird es Zeit, die Startunterlagen abzuholen, den Hotelier nach dem Weg gefragt. Der hat mich gleich mal falsch geschickt. Statt ins Sportcenter (fünf Minuten Fußweg) schickte er mich mit der Straßenbahn vier Stationen weit in eine Kletterhalle!

Endlich im Sportcenter angekommen, konnte ich meine Unterlagen entgehen nehmen. Statt Startnummer gibt es nur Gummiarmband fürs Handgelenk. Nudelparty war gestern, Kaiserschmarren ist angesagt. Nicht zu empfehlen, was für ne Pampe! Also ins Hotel, Sachen fertig machen. Um 4 Uhr heißt es aufstehen. Noch mal zu Hause anrufen und ein paar Whats App schreiben und schlafen.

4 Uhr aufstehen, frühstücken, fertigmachen und zum Start rüber gehen, GPS-Tracker für die Live-Übertragung abholen. Es gab doch noch Kaffee und Kuchen, als Frühstück. Ca. 150 Läufer in einem Raum von 40qm zum Briefing, wie gemütlich! Wettervorhersage 10 – 12 Grad windig mit Böen bis zu 35kmh. Alle wieder raus zum Start, endlich geht es los, ein halbes Jahr Vorbereitung und Vorfreude auf ein tolles Lauf Event. Der Start: kein Runterzählen, los und viel Spaß. Langsam loslaufen erstmal den Rythmus finden. Nach ca. 2 km runter zur Donau, auf dem Uferweg bis km 9 und dann den Weg suchen, ein Bahntunnel, da durch und du stehst vor einer Wand: 200 m nach oben auf einer Länge von 1km. Da ist die Pumpe schnell auf 180. Das zieht sich bis km 49 gut mit 1700 hm. Mit Wegen, die vom Regen aufgeweicht sind, und von gut 100 Läufern „gatschig”, anders Wort für matschig, zertreten sind. Dazu der Wind stets von vorne.

Unterwegs bin ich auf eine 3er-Wandergruppe auf gelaufen, mit denen im Wechsel: bergauf (die vorne), Berg runter ( ich vorne). Bei km 49 der zweite VP. Trinkflaschen 5 + 6 befüllen, dazu ein Muffin und Orangen essen und weiter. Bei km 52 das erste Mal verlaufen, einen Abzweig verpasst. Der GPS-Tracker hat funktioniert, nach einen Anruf vom Servicetelefon hat man mich wieder auf die Strecke gebracht. In diesen Fall ca. 500 Meter eingespart. Da ich aber dadurch die Wanderer überholt habe, habe ich mich auf eine Bank gesetzt und mit zuhause telefoniert. Mit den Wanderern bin ich dann weiter gelaufen. Das hat auf Dauer nicht gepasst. Also alleine weiter und immer wieder die Suche nach dem Weg, vor allen Dingen in der Stadt, das Absuchen nach den Schildern, grauenhaft.

Nach welchen Regeln die Schilder aufgehängt wurden, habe ich nicht verstanden. Bei VP3 km 73 und nach guten 12 Stunden laufen endlich Sachen wechseln, die Flaschen 7 + 8 befüllen und zwei Becher Brühe trinken. Die Lampe auspacken und weiter, der Wind hat mittlerweile zugenommen, so das ich mein Cap festhalten muss. Bis VP 4 (km 91) viel im Wald gelaufen, die Wege matschig ausgetreten und steinig, sodass nur wandern möglich war. Am VP 4 Flaschen 9 + 10 befüllen, zwei Becher Brühe und weiter. Das Wetter wird auch nicht besser, jetzt kommt auch leichter Regen dazu. Den Wald haben wir auch hinter uns, jetzt geht es über Felder und Wiesen immer mit starkem Wind von vorne. Die Hölle auf Erden, aber es sollte noch schlimmer kommen. VP5 km 108, hier nur die Schuhe  “steinfrei” machen und zwei Becher Cola getrunken.

Auf den Weg zum letzten VP bei km 117 ca. 1 km vorher verlaufen. Ich komme von einen Feldweg auf die Straße gehe links, der nächste Feldweg geht rechts ab, zwei Wegweiser (wie selten) davor und dahinter zeigen in den Weg. Ich also den Weg folgend nach oben, nach ca. 1 km ruft der Service an. Du bist falsch, du musst die Straße runter. Der Wegweiser ist für die halbe Strecke (es gab Läufer für 61 km). Hallo Jungs, was soll das, ich bin müde, durchgeweicht, meine Lippen brennen und ich will endlich ins Ziel. Das Wetter wird auch nicht besser, der Regen wird stärker. Als ich endlich den VP 6 erreiche und meinen Unmut Luft mache, bekomme ich von einem Passanten den Kommentar: das ist halt so, damit muss man rechnen. Ich hab ihn nur gefragt, ob er in seinen Leben schon mal mehr als 2 km gelaufen ist. Ich musste mich ganz schön zusammen reißen. Auf zu den letzten 13 km, vom VP eine kleine Gasse runter laufen, um so etwas zu sehen, mache ich das. Links eine Mauer, oben Bäume, eine ca. 1 m tiefe Wasserrinne. Rechts eine Mauer mit Garagentoren, dahinter Gewölbe zur Weinlagerung und oben drauf Bäume.

Die Straße mit Kopfsteinpflaster und das Ganze im Dunkeln, da kann man seinen Frust vergessen. Bei km 121 wieder verlaufen, das Schild übersehen, statt links bin ich gerade aus, also zurück bis zum Schild den richtigen Weg folgend über eine Brücke dann links. Statt auf der Straße zubleiben auf den Fußweg am Fluss lang, auf einmal an den Punkt angekommen, an dem ich mich gerade verlaufen habe, schön im Kreis gelaufen. Super!! Als ich endlich die Donauinsel erreicht habe, hieß es immer am Ufer lang, noch ca. 7 km. Der Regen von oben, immer wieder starke Windböen von rechts, mittlerweile war meine rechte Seite so nass und unterkühlt, das ich sie gar nicht mehr merkte. Noch ca. 1,5 km, über die letzte Brücke weg vom Donauufer, und siehe da endlich: Bodenmarkierungen auf den letzten km. „Na toll“ – von hieraus kenne ich den Weg. Durch einen Seiteneingang auf das Gelände des Sportcenters in Richtung Ziel.

Welches ich nach 135 km und einer Zeit von 23 Stunden 21 Minuten 15 Sekunden als 62. von 132 Startern und nur 68 Finishern erreicht habe.

Glücklich endlich im Ziel zu sein, frustriert über das Verlaufen, erschöpft von diesen kräfteraubenden Bedingungen. Ein Gefühlschaos hoch 3, wie ich es selten erlebt habe.

Im Hotel angekommen erstmal ein Bier an der Bar bestellt, einfach nur köstlich.

Mein Fazit:

Für mich ein Laufabenteuer, ein tolle Strecke mit super Landschaft. Um Ende Oktober ist das Wetter unberechenbar, im letzten Jahr gab es Schnee. Die Streckenmarkierungen könnten besser sein. Sechs VPs sind ok, sieben wären besser. Die Helfer freundlich, hilfsbereit auch nach 20 Stunden.

Jeder, der mal was anderes erleben möchte, sollte Wien Rundumadum laufen. Bis zu diesen Zeilen könnte ich mich noch nicht entscheiden, ob ich das im nächsten Jahr noch mal laufe. Auf jeden Fall ist es ein Lauf, der im Gedächtnis bleibt.

In diesen Sinne: Wien Rundumadum – „Herausforderung akzeptiert“.

Text und Fotos: John Kupferschmidt 

 

 

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