Von der Formel 1-Legende Niki Lauda stammte der Satz, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als mit einem Auto im Kreis zu fahren. Nun fährt auf dem Tempelhofer Feld kein Rennwagen und das Laufen hat wenig mit Rennsport zu tun. Aber trotzdem muss ich immer wieder an diesen Spruch des Österreichers denken, wenn ich beim THF6 der Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin am dritten Sonntag im Monat meine Runden drehe.

THF ist der internationale Code für den früheren Flughafen Tempelhof, die 6 steht für die sechs Stunden, innerhalb derer man sich schwindlig laufen kann. Entweder auf der großen 6-Kilometer-Runde, immer den pinkfarbenen Punkten folgend. Oder aber alternativ im kleinen Kreisverkehr, zwei Kilometer lang. Diese Runde bin ich aber noch nie gelaufen, ich verkehre ganz außen auf dem ehemaligen Flugfeld. Schwestarbeit, denn der Wind, manchmal auch Sturm, ist hier der gemeine Spielverderber. Mal von der Seite, zuletzt häufiger von vorn, selten mal im Rücken. Ich laufe gegen eine dicke Wand – so zumindest fühlte ich mich am vergangenen Sonntag.
Neben dem Dauergebläse kommt noch die Weite dieser Beton- und Asphaltfläche hinzu. Versuche mir immer irgendwelche Orientierungs- und Fixpunkte zu suchen, wenn ich gegen den Uhrzeigersinn die große Runde in Angriff nehme. Zuerst die Hangars, diese monumentalen Flugzeughallen aus der Nazi-Zeit, die eingezäunt vorne rechts vor einem liegen. Es dauert unendlich lange, bis man an den Gebäuden vorbei gezogen ist. Abwechslung bringen die anderen Jogger, die einem entgegenkommen oder einen überholen, und an schönen Tagen können das Massen sein!
Nächster Fixpunkt, den sich mein Kopf aussucht, ist die S-Bahn-Trasse, die parallel zur A100 direkt am Feld vorbeiführt. Aber es braucht wieder Ewigkeiten, bis man endlich fast in Tuchfühlung mit der Ringbahn ist. Der Vorteil nun liegt auf der Hand: Trasse und Autobahn bändigen die Winde, wenigstens etwas und je nach Blasrichtung. Entlang des Zauns nähere ich mich langsam der Halbzeit-Marke. Erst drei Kilometer?!
Es läuft trotzdem gut – die Beine sind relativ locker, der Kopf hat diesmal nicht zu heftig mit dem „Tempelhof-Syndrom“ zu kämpfen, Wind und Rundendrehen ziehen mich nicht allzu sehr nach unten. Alles auch eine Frage der Tagesform. Skurrile Gebäude aus der Vor- und Nach-Flughafen-Ära begleiten meinen Weg. Rechts eine alte Müllverbrennungsanlage der Alliierten, ein paar Meter weiter links ein halbfertiger Neubau mit Solaranlage auf dem Flachdach. Keine Ahnung, was das sein soll, aber das Ding fasziniert mich auf jeder Runde aufs Neue und regt meine Fantasie an. Auf der selben Seite das Klohäuschen, oh Wunder, fast immer bei meinen Besuchen sauber und sogar mit ausreichend Papier bestückt. Wir sind in Neukölln?! Offenbar auch ein Verdienst der Parkwächter, die ebenfalls ihre Runden drehen – allerdings mit dem Auto.
Die Strecke macht einen Linksknick, vorbei an Wohnhäusern, die direkt an der früheren Einflugschneise stehen. Was haben die früher, als der Airport noch in Betrieb war, an Miete gezahlt? Gedanken, die mir in dem Augenblick so kommen. Wo ist mein nächster Fixpunkt? Da hinten ist er, ganz klein, aber zum Glück langsam größer und sichtbarer werdend: Der Verpflegungsstand! Ohne den würde ich mir das hier nicht antun, da bin ich mir absolut sicher. Denn schon wieder peitschen mir die Luftmassen entgegen, voll von vorne. Kurz habe ich das Gefühl, ich würde auf der Stelle tänzeln wie auf einem Laufband. Dann nur noch wenige Meter bis zum Infohäuschen der Parkverwaltung, neben dem die LG Mauerweg ihren Stand mit Zeltüberdachung aufgebaut hat. Den fegt es auch mal kurz samt Helfer Thomas weg – so heftig stürmt es an diesem Februar-Sonntag.
Die geschundene Läuferseele braucht nun Aufbauhilfe. Und bekommt sie auch in Form von Käseschnittchen, Schokolade, Salzstangen, Malzbier und Cola. Wäre es nicht so frisch, man würde gerne länger an dieser Oase des Läuferglücks verweilen. Doch es muss weitergehen, denn das will mein Kopf so. Und wenn der sich etwas vorgenommen hat, dann gibt es selten ein Zurück. Dickkopf! Wieder hinein in den zähen 6-Kilometer-Kampf mit dem Wind, hinein in den schier endlos wirkenden Kreisverkehr, den Astronauten sogar vom Weltall aus gesehen haben wollen.
Am Ende ist es diesmal ein Marathon! Klar, den hätte ich auch woanders schöner haben können. Aber der hier, beim THF6, ist einer mit Auszeichnung und der Fußnote „sturmerprobt“. Natürlich hat der Ex-im-Kreis-Fahrer Niki recht, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als irgendwo seine Runden zu drehen. Ob auf vier Rädern oder zu Fuß.Ein anderes Zitat des Rennfahrers fällt mir aber auch noch ein und gefällt mir viel besser: „Den Schmerz vergisst man.“ Wann ist wieder Tempelhof?