Wieviel machen Anfangstempo und Tagesform aus? Matthias „Matze“ Weiser über die Erfahrungen, die er – neben sehr vielen Kilometern –  beim Mauerweg-Nachtlauf und beim Stechlin Ultra Trail gesammelt hat.

„Am 25. Juli habe ich mich der Herausforderung Mauerweg-Nachtlauf gestellt. Mein Ziel war es, mit zahlreichen Lauffreunden der LG Mauerweg und anderen möglichst viele Kilometer nachts zu laufen. Ein konkretes Ziel habe ich wie immer nicht offen kommuniziert, um mir selbst keinen Druck zu machen. Laut Ausschreibung betrug die Distanz vom S-Bahnhof Nikolassee über den Königsweg, dem südlichen Berliner Mauerweg Richtung Neukölln/Treptow folgend, entlang des Teltowkanals und später an der East Side Gallery bis zum Jugendgästehaus Hauptbahnhof 67 Kilometer.

Meine Überlegung bestand darin, erst später beim Verpflegungspunkt 2 Marienfelder Allee einzusteigen, um dann rund 50 Kilometer (wie bereits in Rodgau Ende Januar 2015) zu laufen und gemeinsam mit anderen das Ziel zu erreichen. Diese Idee trug ich Harald und meinem Trainer Andreas Deák vor, die meine Zweifel zerstreuten. Die Antworten lauteten: „vom Potenzial her hast du das drauf (…), wenn du es nicht probiert hast, dann kannst du auch nicht sagen, wie es ausgegangen wäre“ bzw. „Da das Tempo sehr langsam ist – allein schon wegen der Dunkelheit – und da man in der Gruppe läuft, wirst du es schaffen.“ Also doch mit allen anderen starten, entweder bei Alex in 7:00 min/km oder bei John mit 7:30 min/km. Ich entschied mich für die erste Alternative, da ich bei John zu viele Gehpausen erwartete, die mir nicht so liegen. Außerdem war die 7er-Gruppe mit ca. 25 Läufern die größte, und es liefen dort viele Bekannte aus dem Verein.

Gemeinsam ging es mit allen Teilnehmern bis zum ersten VP in Teltow. Trotz des angekündigten Sturmes bin ich nur in meinem neuen Laufklamotten (Singlet & Hose) in Vereinsfarben los. Etwas Wind gab es die ganze Zeit, aber die Dunkelheit war für mich schwieriger. Zunächst waren wir noch auf beleuchteten Straßen unterwegs, wenig später wiesen uns dann nur noch die Stirnlampen den Weg. In der Gruppe laufen bedeutet mir sehr viel, aber hier ist auch immer Vorsicht geboten, Abstand zu halten, um die Wegbeschaffenheit jederzeit sehen und Stürze vermeiden zu können. Das bedeutete für mich äußerste Konzentration, so dass ich mich kaum an den Unterhaltungen beteiligte, aber dennoch viel zu lachen und zu hören hatte, u.a. mit Harald, Nina und Sylke, die am Ende der Gruppe liefen.

Aufgrund einsetzenden Regens und Abnahme der Temperaturen entschied ich mich, am zweiten VP ein langes Laufshirt und mein Mauerwegshirt anzuziehen. Die letzten 2 Kilometer bis zum VP3 lief ich mit Harald deutlich unter den 7:00 – eine Abwechslung, die ich noch bereuen sollte. Regen und Wind nahmen allmählich zu – das Tempo der Guides meiner Meinung nach auch. Ich ließ mich etwas zurückfallen, ohne die Gruppe aus den Augen zu verlieren. Mit Nina und Harald erreichte ich den nächsten Versorgungspunkt. Meine Gedanken äußerte ich laut: „Wir sind bereits 35 Kilometer gelaufen und ich kann mir nicht vorstellen, noch weitere 30 zu absolvieren.“ Harald meinte, das wird schon. Bis zum nächsten VP konnte ich ganz gut mithalten. Kurz vorher war die Marathondistanz (das zweite Mal in meinem Leben) in gut 5 Stunden erreicht worden. Das nächste Zahlenspiel im Kopf: „Marathon absolviert, aber noch nicht mal zwei Drittel der Strecke.“

Ich musste nun der Distanz und dem Tempo Tribut zollen. Alex erklärte sich bereit, mit mir langsam weiter zu laufen. Etwas später lief ich wieder allein, weil er ein Telefonat hatte. Als er mich wieder einholte, konnte ich nur kurz mit ihm mithalten. Was mich auch etwas psychisch anknockte, war der Streckenabschnitt zwischen Rudower Straße und Chris-Gueffrov-Allee. Links der Teltow-Kanal, rechts die Autobahn dazu etwas Seitenwind. Es dämmerte bereits, aber durch die Beleuchtungen einiger Mitläufer und den geraden Streckenverlauf hatte ich die Hauptgruppe noch eine Weile in Sicht. Durch wiederholte Gehpausen habe ich sie irgendwann aus den Augen verloren. Von den 8 Kilometern musste ich einen Großteil allein laufen, aber der Weg zum VP war leicht zu finden. Dieser lag durch vorherige Umwege der Guides bei ca. 52 Kilometern. Ich hatte nicht nur einen neuen Distanzrekord erreicht, sondern auch meine Bestzeit über 50 Kilometer von Rodgau (6:21h) um knapp 20 Minuten unterboten. Alles andere war jetzt nur das Sahnehäubchen. Ich entschied mich nun, auf die hinter mir liegende 7:30er-Gruppe zu warten. Allerdings sollte diese wohl 30 Minuten hinter mir liegen. Ich ließ mir die Koordinaten der nächsten VPs geben, um diese, wenn auch nicht auf Matze Nachtlauf Zieldirektem Weg, anzulaufen. Doch früher als erwartet kam die Gruppe um John doch an, und ich hatte wieder einen Guide. Allerdings konnte ich ihr Tempo nicht mithalten. Als sie Gehpausen auch meinetwegen einlegten, bin ich mit den Worten vorbei „Ich kann nicht mehr langsam laufen“. Im 7:30er-Tempo bin ich allein und mit Abkürzungen am VP 7 angekommen, wo ich auf Sylke und Olaf traf. Mit ihnen konnte ich ein paar Kilometer laufen und gehen. Kurz vor dem VP 8 haben wir uns verloren, da ich ihr Tempo nicht mehr mithalten konnte. Ich ließ mir die Adresse des Zielortes geben. Das waren noch 4 Kilometer, für die ich normalweise 20 Minuten benötige. In der Verfassung, nur noch gehen zu können, hätte ich aber 2 Stunden gebraucht. Ich entschied mich, mein Nachtlaufabenteuer zu beenden und dennoch zufrieden vom Moritzplatz aus mit der U- und S- Bahn den Hauptbahnhof anzusteuern. Dort traf ich Alex und Itta, und wir sind restlichen Meter gemeinsam zum Jugendgästehaus gegangen.

So bin ich in dieser Nacht vom 25./26. Juli zum ersten Mal 62,5 Kilometer gelaufen, und eine Woche später erwartete mich das nächste Laufevent: Der Stechlin (Ultra) Trail über mögliche 55 Kilometer. Dieser fand im Rahmen eines Laufcamps in Lindow (Mark) statt. Am Freitag gab es bereits einen Kennenlernlauf über 10 Kilometer. Diesen absolvierte ich bewusst immer am Ende der Gruppe gemeinsam mit Simone und Steffi, um für den nächsten Tag Reserven zu haben, wobei ich mich auch diesmal nicht auf eine Distanz festlegen wollte. Die gesamte Strecke setzte sich aus verschiedenen Einzelstrecken von jeweils zwischen 8 und 10 Kilometern zusammen. Nach jeder Runde würde der Startort angelaufen, wo sich der VP befand. Aus dem Lauf vor einer Woche lernend, wo mir auch das zu hohe Anfangstempo zu schaffen gemacht hatte, wollte ich diesmal immer am Ende der Gruppe laufen. Tom hatte sich bereit erklärt, den Schlussläufer für den Lauf zu machen, und so hatte ich meinen Fixpunkt für den nächsten Tag.

Die erste Runde über 10 Kilometer bin ich mit ihm sowie Simone und Steffi gelaufen. Die beiden folgenden dann gemeinsam mit Sonja, wobei Tom immer auf uns Rücksicht genommen hat. Nach der Hälfte der Distanz sind neben Steffi weitere Läufer ausgestiegen. Ich fühlte mich gut, da mich das angenehme gleichmäßigstechlin 3e Tempo nicht so sehr forderte. Auch ein Stolperer zu Beginn der dritten Runde blieb dank meiner tollen Hoka-Schuhe ohne Folgen. Die Strecken waren abwechslungsreich, oft schattig durch den Wald oder am See entlang, hatten einige Anstiege, was mir bis einschließlich der vierten Runde nicht zu schaffen machte. Also blieb ich auch nach 38 Kilometern dabei und ging voller Euphorie auf die nächste Strecke. Zu Beginn ging es durch Wälder, aber bald kam ein Teilstück mit langen Feldwegen und hohem Gras, das wir in der prallen Mittagssonne absolvierten. Dieses zog mir etwas den Zahn, und ich konnte es nur noch im Gehen absolvieren. Dem Verpflegungspunkt näher kommend, haben auch andere Läufer Gehpausen einlegen müssen und laut über den Ausstieg nachgedacht, der auch mir ein wenig im Kopf herumschwirrte.

Allerdings gab mir die Verpflegung Zeit zur Regeneration und Tom meinte nur: „Durchlaufen wäre doch kein Problem.“ Außerdem sollte die sechste Runde eine Wiederholung der zweiten sein, sodass mir die Strecke also bekannt war. Mit Wolfgang Schwericke als Guide des gesamten Laufes und neun weiteren Unerschrockenen haben wir uns auf den Weg begeben. Das Tempo konnte ich zwar mitgehen, hielt mich aber immer am Ende der Gruppe auf. Nach ca. 4 Kilometern sind wir dann von der Strecke abgewichen, und der Trailteil begann. Auf den war ich überhaupt nicht eingestellt, weil ich die Ansage von Wolfgang nicht bekommen hatte, als er darüber informierte. Zu Beginn konnte noch richtig gelaufen werden, aber immer wieder ging es über umgestürzte Bäume oder andere Hindernisse, die das Tempo verlangsamten, was ich als gar nicht schlecht empfand. Aber die Konzentration war jederzeit gefragt, um nicht zu stolpern. Die Gruppe entfernte sich außer der Sichtweite, wartete aber auch immer wieder. Nach mehreren erfolgreichen Versuchen, das Stolpern zu vermeiden, erwischte ich doch einen Ast auf dem Boden, den ich nicht gesehen hatte. Ich blieb mit dem rechten Fuß hängen und verspürte einen Schmerz. Ähnlich wie in dritten Runde konnte ich aber sofort schmerzfrei weiterlaufen. Einen knappen Kilometer später war das Trailstück geschafft, und wir waren auf der Strecke, die ich schon kannte. Auf Nachfrage bei Wolfgang waren es nur 2 Kilometer zum Ziel. Den nächsten Anstieg bin ich dank einiger Reserven und auch ein bisschen Adrenalin hinauf gesprintet. Drei weitere Läufer schlossen sich mir an, und wir sind das letzte Teilstück deutlich unter 6:40 min./km gelaufen und auch ein Zielsprint war noch drin.

Stechlin 1Ich konnte meine Mitläufer in die Arme schließen und auf 55 Wahnsinnskilometer zurückblicken. Tom und Wolfgang hatten es etwas ruhiger ausklingen lassen, so dass ich sie empfangen konnte. Ich möchte mich vor allem bei den beiden bedanken, dass sie mir dieses Erlebnis ermöglichten und mich den Tag über unterstützt haben. Das Stolpern auf dem Trailstück stellte sich über Nacht dann als Stauchung dar, so dass ich schweren Herzens und auf Anraten meiner Begleiter vom Vortag auf den Lauf am Sonntag verzichtete und stattdessen meine Beine im See kühlen konnte und beim Yoga mit Sonja Eigenbrod entspannen und dehnen konnte.

So sind zwei Läufe unterschiedlich verlaufen und mit etwas Erfahrung und Tagesform können die Ziele erreicht werden. Meine Erfahrung vom Mauerweg-Nachtlauf konnte ich eine Woche später gleich in den nächsten Lauf einfließen lassen.s

Ich danke alle Mitläufern, Unterstützern und Versorgern, die an diesen beiden tollen Laufevents beteiligt waren und nicht alle namentlich hier erwähnt wurden.“

Text und Fotos: Matthias Weiser