andrea siegerehrungAndrea schickte sich an, zum ersten Mal beim Mauerweglauf zu starten. Es war nicht ihr erster 160-Kilometer-Lauf, doch der letzte lag schon einige Jahre zurück. Heute trägt sie stolz ein (möhren-)oranges Finisher-Shirt und hat einen fast 16.000 Zeichen langen Bericht verfasst. Schließlich will ihre Headline ja erklärt werden 🙂

 

„Zuletzt beschäftigte ich mich ja auch noch mit dem Element Wasser und dem Rennrad häufiger. Vorbereitung mit dem Ośno-Lauf, der Generalprobe, dem Thüringen Ultra, dem Ironman in Roth und dem Nachtlauf nicht unbedingt üppig, aber zum Durchkommen müsste es reichen. Verstärktes Training zwei Wochen vor dem 15. August hat mein Knie mit „Nichtwollen“ quittiert, ein Besuch bei der Osteopathin am letzten Montag mit dem Ergebnis: Es ist nicht das Knie, sondern der untere Rücken. Daraus folgte ein striktes „Rucksackverbot“. Sie entließ mich mit den Worten: „Sie schaffen das.“ Na, wenn sie es sagt, dachte ich. Ich war selbstbewusst genug, noch unmittelbar vor dem Start zu sagen: Ich komme durch, da bin ich ganz sicher. Man hat so ein Bauchgefühl. Dass Schmerzen kommen, ist klar, aber mit denen und den Krisen fertig zu werden, das ist ja der Spaß und die Herausforderung an der ganzen Sache. Eine Verletzung wird großkotzig nicht einkalkuliert, obwohl das Knie angeschlagen war, spielte es in meinem Kopf vor dem Start überhaupt keine Rolle. Für mich war nur die Zeit entscheidend, in der ich in das Stadion „einreiten“ wollte.

Am Dienstag vor dem Lauf fing ich an, meine fünf Türmchen zu bauen: Start, 1., 2., 3. WP, Norbert und Ziel. Mit Zettelchen schrieb ich jeden Tag auf, was ich noch besorgen müsste, hakte ab, jeden Tag durchstöberte ich die Türmchen und freute mich über mein Organisationstalent und die kleinen Ideen, die ich so hier und dort mit meinem Equipment hatte.

Vorbereitung am Samstagmorgen um 2 Uhr: Beim Anziehen meiner Zehensocken merke ich, dass beide Socken hinten an der Ferse aufgerissen sind. Ist das schlimm? frage ich Norbert, der läuft oft mit kaputten Socken. Ich kannte das nicht. Er meinte: „Nö, passiert nichts. Kannst du anlassen“. Dumm ist, dass ich ein neues Paar Zehensocken im Schrank habe, ich war einfach zu geizig, um die neuen Socken herauszuholen, wollte die auf den 160 Kilometern endgültig und gnadenlos ablaufen und die neuen Socken lieber im Schrank lassen. Für das nächste Mal. Wie das endet, könnt ihr euch denken! Danach das finale Packen der Beutel 1, 2 und 3. Wir sind früh genug aufgestanden, also daran lag es nicht, dass hier meine Fehlerkette nach den kaputten Socken weiterging. Ich packte mein Türmchen von WP 2 in den WP 3 – natürlich aus Versehen – und merkte zu keiner Zeit, dass der Beutel 2 fast leer war und der Beutel 3 aus allen Nähten platzte.

6 Uhr: Start und gleich auf den ersten hundert Metern Schmerzen im Knie, welches mir Norbert auf Anraten der Osteopathin vorn und hinten getapt hatte. Na das kann ja lustig werden, dachte ich. Zujubeln beim Stadionausgang, ich höre Norbert und Hajo und schon ist man da draußen, allein mit sich und der (Läufer-)Welt und den vielen roten Ampeln. Mist, da gehen ja Minuten verloren, denke nicht nur ich.

Ich wollte zum ersten Mal in einem Lauf einen Schuhwechsel probieren. Da ich derzeit nur ein paar Ultralaufschuhe habe (Geiz), habe ich als erstes die inov8 ohne Dämpfung angezogen, mit denen ich schon 75 km im Training ohne Probleme (allerdings mit Gelsohlen) gelaufen bin. Die Sohlen habe ich aber im zweiten Wechselpaar gehabt. Diese Geleinlagen haben sich bei meinen langen Läufen bewährt, warum ich nur ein Paar habe: der Geiz. Ich lief also mit den Schuhen ohne Dämpfung und ohne Sohle los, nach 10 Kilometern dachte ich, mir ledert es die Fußsohlen ab. Da creme ich meine Füße eine Woche vor dem Lauf morgens und abends mit einer Fettcreme ein, damit da keine Ecke scheuert und dann sowas? Der Wald durch Hohen Neuendorf mit dem kilometerlangen Kopfsteinpflaster war die Hölle. Zumindest hörten bei dem Gejuckel durch den Wald die Knieschmerzen auf. Aber was nun schlimmer war, das Knieaua oder meine Fußsohlen, das wusste ich auch nicht.

Zwischen 30 und 40 Kilometern die erste Krise. Meine gesamte linke Seite schmerzte, der Schmerz sucht sich seinen Weg schon, selbst wenn er durch Tape verbaut ist, aber nach ca. 35 Kilometern? Ich warte auf Norbert, der in einer 2er Staffel mit dem sympathischen Tilo aus Leipzig die ersten 71 Kilometer lief. Es kamen die schnelle Anna, der flotte Tom, die lustige Nina mit dem vor Schmerzen jammernden Harald, der pinke Stefan und viele andere, aber kein Norbert. Mensch, wo bleibt der denn bloß? – Hilfe, ich habe die Krise. Wenn keiner mit mir redet, dann hole ich den MP3-Player raus. Es ist ein altes Modell, die Batterieklappe fehlt, ich tape das immer ab, Norbert hatte diesen einmal gefunden. Ihr wisst, der Geiz hinderte mich daran, einen neuen zu kaufen, wenn es der alte noch tut. Er tat es aber nicht lange: Ich habe ihn, weil ich nicht immer an den Laufgürtel heran wollte, einfach in die Laufhose gesteckt, die natürlich permanent nass war. Der Gürtel ist nicht so für Ultras geeignet, aber ihr wisst ja: der Geiz. Nach 30 Minuten war der MP3-Player von innen feucht und sang nicht mehr für mich. Das hat mich wütend über mich selbst gemacht. Die Nacht würde hart und lang werden, und ich ohne Musik, das geht ja gar nicht.

Das Allergrößte allerdings, was ich je bei einem Lauf erlebt habe, ereignete sich bei Kilometer 52 in Falkensee: Meine beiden Kinder samt Schwiegersöhnen und beiden Enkelkindern erwarteten mich am VP. Sie waren noch nie bei einem Lauf dabei. Erst stand mein Schwiegersohn 100 m vor dem VP und lief mit mir in Richtung VP, meine Kinder kamen mir vom VP mit der Enkeltochter im Arm entgegengelaufen. Ich hatte Pipi in den Augen, was für eine Freude. Auch meine Kinder haben geweint (mir laufen gerade wieder die Tränen). Das war ein sehr, sehr emotionaler Moment und er hat mich kilometerlang nach dem VP positiv beschäftigt. Aber auch schon vorher, denn der Anruf meiner Tochter riss mich aus der ersten Krise. Ich hatte Sonnencreme, eine Schere und Teewurststullen bestellt, alles war auch da. Auch Mike und Marion waren an dem VP, kümmerten sich rührend um mich. Ich legte dort natürlich eine etwas längere Pause ein als sonst üblich. Ich blutete in der Kniekehle, und die Enkeltochter (drei Jahre) wollte mich ins Krankenhaus schicken. Das war sehr niedlich. Meine Schwiegersöhne schauten sich meine Ausrüstung an, die Gamaschen, den Laufchip, den Laufgürtel, kannten sie doch alles nicht. Die Mädels baten mich kurz vor dem Weiterlaufen, doch aufzuhören, wenn ich nicht mehr kann, es wäre doch so heiß und überhaupt, ich könnte doch in Falkensee abbrechen, habe doch schon genug Scheuerstellen und Schmerzen erlitten, ich bin doch schon genug gelaufen. Ich könnte ja auch auf Norbert warten…

Meine Reaktion war: Ich höre nicht auf, ich gehe, wenn ich nicht mehr laufen kann, ich habe meine schönen Schuhe mit den tollen Sohlen bald, dann geht’s mir besser. Mike sagte noch zu meinen Kindern: „Ihr könnt aufhören zu betteln, Eure Mutter/Oma hört sowieso nicht auf.“ Das Erlebnis beschäftigte mich noch lange, ein paar Tränen flossen später auch noch, und ich sagte mir: Meinen Kindern bin ich es verdammt noch einmal schuldig, zu finishen, obwohl ich hier noch nicht ans Aufgeben dachte. Dann überkam mich die Sorge um Norbert: Von Mike und Marion wusste ich, dass er wegen der Hitze nicht so gut drauf war und ca. eine Stunde zurück ist. Aber wieso geht er nicht ans Telefon, warum ruft er nicht an, warum überholt er mich nicht?

Ich zuckelte weiter und erzählte allen, die es hören oder auch nicht hören wollten, dass ich meine Schuhe im WP 2 hatte und es ein Fest werden würde, diese dann mit den tollen Einlegesohlen zu laufen, um das Feld von hinten aufzurollen. Der WP 2 war endlich da und ich merkte noch immer nicht, dass der Beutel fast leer war. Ich zog die Schuhe aus und die Vorfreude war enorm. Ich erzählte Jens, der neben mir auf der Bank saß, dass ich jetzt die Schuhe wechseln würde. Ich öffnete meinen Beutel und sah: Fast nichts: Zwei Quetschis. Wie viel kann man eigentlich noch in einem Lauf falsch machen? Wo bitte sind meine Schuhe und die Taschenlampe? „Vergeude keine Energie mit Dingen, die du nicht ändern kannst“, mein Motto wurde in diesen Sekunden auf eine harte Probe gestellt. Also Quetschi verbraucht – maximale Ausbeute aus diesem Beutel – und nochmals mehr als 30 Kilometer mit den Schuhen und ich wusste, was jetzt für ein Untergrund auf mich zukommt und auf meine Fußsohlen wartet.

Es wurde schwer und schwerer, Norbert kam nicht, der MP3-Player wollte nicht trocknen, keine Läufer in Sicht, wer hat sich das nur ausgedacht? Einzige Ablenkung war ein Fund von Pfefferminzbonbons auf dem Waldboden, oh, ein Hauch von Zivilisation. Ich hob sie auf, um die aus Langeweile zu lutschen. Ab WP 3 hatte Norbert die Markierung für einige Kilometer übernommen. Ich beäugte jeden Pfeil und jedes Stück Flatterband, ob er es auch gut gemacht hat. Als ich dann in einem Ort zwei Läuferinnen traf, erzählte ich ihnen, dass mein Mann die Markierung gemacht hat, sie lobten ihn. Aber gehört habe ich immer noch nichts von ihm. Gerade als ich über Facebook fragen wollte, ob Jemand weiß, was mit Norbert ist, rief er endlich an. Er sagte, dass es ihm nicht gut gehe und er mir nicht, wie vereinbart, mit dem Rad entgegen kommen könnte. Mit den Worten: Man hat mir berichtet, du bist ja gut drauf, verabschiedete er sich. Ich konnte noch rufen, das war einmal…

Der letzte Kilometer zum WP 3 ist beleuchtet, über 100 Kilometer geschafft. In der Turnhalle angekommen und meinen übervollen Beutel in Empfang genommen. Die Helfer müssen wohl gedacht haben, ich würde doch mein Zelt aufschlagen. Ich zog die unbequemen und alten (wegen dem Geiz) Gamaschen und die Schuhe sowie die viel zu engen Kompressions-Sleeves aus. Die Sleeves hatte ich mir in Neongelb gekauft. Schick – passend zur Vereinskleidung, aber leider zu groß. Sie hatten aber nur eine L, deshalb zog ich vor dem Start den Saum doppelt nach oben. Gelaufen bin ich mit denen noch nie. Das war jetzt doppelter Druck auf dem Sprunggelenk. Ich sah John. John ging duschen, ich dachte noch: Was, duschen? Hab ich noch nie gemacht. Wird überbewertet. Nachdem ich mein durch die zu engen Sleeves geschwollenes Fußgelenk mit einem Kühlverband versorgt hatte, mich versorgte, das Shirt wechselte, aber nur das Shirt, dachte ich mir, eine Dusche, oder zumindest trockene Socken (vielleicht zur Abwechslung keine kaputten) wäre nicht schlecht gewesen, auch eine neue trockene Hosen wäre jetzt der Hit. Warum hatte ich das nicht dabei: Dieses Mal war es der Geiz mit der Zeit: Ich wollte ja flotter unterwegs sein, einer Zeit hinterherlaufen und die nicht beim Duschen und Umziehen vergeuden. Wie unprofessionell… Den Player ausprobiert, der ging noch immer nicht und ab in die neuen Schuhe, die mich auf Wolken schweben lassen sollten. Es war die Hölle. Meine Füße waren so geschwollen, dass die Schuhe viel zu eng waren. Überall drückte es, nur die Fußsohlen hatten endlich ihre Einlagen.

Laufen ging nicht mehr, die Klamotten unangenehm nass, zum Glück ist es nicht kalt. Jetzt sind viele Läufer in meiner Nähe. Es ist stockdunkel und es geht gleich nach dem WP 3 kilometerlang durch den Wald. Ich bin so unendlich müde. Ich falle mehrfach in den Sekundenschlaf. Energy spricht nicht an. Ich kenne das schon, ich lasse das Augenzufallen zu, weil es der Radweg auch zulässt. Ich laufe in der Mitte, damit ich rechts und links nicht umknicke. Das geht über Stunden so. Nur das Gespräch mit einigen Läufern lässt mich mal munter werden und die Vorfreude auf die VPs. Das geht die ganze Nacht so, ich bin so müde. Bei Kilometer 129 dann starke Schmerzen in beiden Schienbeinen. Der Beginn einer Schienbeinentzündung. Das hatte ich schon einmal, sehr schmerz- und dauerhaft. Ich habe noch sehr viele Stunden vor mir, das tue ich mir nicht an. Verschwunden meine Überzeugung, dass ich das schaffen würde, verschwunden meine positiven Gedanken.

Die nächste Krise. Das Gespenst der drohenden Cut-off-Zeit geht um. Sigrid fängt an zu rechnen, andere Läufer unken: Wir dürfen keine Pause mehr machen, sonst schaffen wir das nicht, denn alle können nicht mehr laufen, nur noch gehen und warten indes auf den rettenden Morgen. Nichts mehr da von meinem Vertrauen in mich, die letzten Kilometer immer wieder ins Laufen zu kommen, ich lasse mich Anstecken von der Angst, die Cut-off-Zeit nicht zu schaffen. Allerdings an den VPs hat keiner etwas gesagt, dass es eng werden würde, wir wurden wie eh und je versorgt, uns eine kleine Pause durchaus zugestanden.

Eine Radbegleiterin hilft mir mit Eisspray aus und ich versorge meine Schienbeine, eine erste schnelle Hilfe. Eine Radbegleitung, das wäre ja ein Traum: Ich denke an Norbert, der jetzt im Stadion sitzt, sich die Zieleinläufe anschaut und mit den Finishern fachsimpelt. Ich werde wütend auf ihn, war doch ausgemacht, dass er mir einen Beutel bringt, darin waren Kühlbandagen. Ich treffe eine Entscheidung, die mein späteres Finish rettete, die beste Entscheidung am ganzen Tag. Ich rief Norbert an, wir hatten stundenlang keinen Kontakt. Wütend keifte ich ihn an: Entweder du bringst mir jetzt die Kühlbandagen oder ich gebe auf. Und überhaupt: Mein MP3-Player geht nicht, die Cut-off-Zeit schaffe ich nicht, bin so furchtbar müde, ich gebe auf. Er sagte: „Aufgegeben werden nur Pakete bei der Post“, ja das ist er, mein Norbert, immer einen guten Spruch auf den Lippen. Ich bin sowas von genervt und wütend auf ihn. Ich höre nur: „Ich komme zum nächsten VP und bringe dir deine Bandagen. Die Zeit schaffst du, wird kein Problem werden.“

Es wird hell, ich bin wieder auf Spur, schwatze mit dem einen oder anderen Läufer und überhole plötzlich wieder. Ich bin wieder da. Nicht nur der nächste VP sondern auch die Kühlbandagen sind da. Norbert zieht mir die Schuhe aus und wickelt mir die erste Bandage um den Unterschenkel. Die Bandagen sind tropf nass und irgendwie mit Alkohol oder ähnlichem Zeugs haltbar gemacht, stinken fürchterlich. Aber noch fürchterlicher war der Moment, als das übelriechende Zeugs in meine offenen Fersen lief. Die hatte ich mir natürlich aufgerieben. Jetzt gibt es da auch noch einen zweiten Fuß, dasselbe Procedere. Der freundliche junge Mann am VP versorgte meine Wunden mit Riesenpflastern – quasi als Ersatzsocke –  und lud mich zum Verweilen ein. Keine Zeit, ich muss weiter. Auch Norbert war schon wieder weg, er wollte den Einlauf seines Staffelpartners nicht verpassen. Tilo bekam aber einen dritten Frühling auf der Strecke und wurde nochmals richtig flott, Norbert verpasste ihn leider. Danke Tilo, für dein Verständnis, dass Norbert nicht mit dir in das Station eingelaufen ist.

Ich kämpfte noch mit den Schmerzen in den Fersen, da musste ich schon wieder in die Büsche. Ich pinkelte im Stehen und war zu doof dazu. Das sollte frau dann doch den Herren überlassen! Ich pinkelte mir die volle Ladung auf die Hose. Meine aufgeriebenen Innenseiten der Oberschenkel bedankten sich mit Brennen wie Feuer für die zusätzliche nasse Hose. Heute geht alles schief, es passt alles zusammen. Nun kann ich wieder trullern, denn: Mein MP3-Player ist getrocknet und singt wieder für mich, ich überhole hier und da den einen und anderen und komme endlich in die Schlesische Straße, wo ich die Flyer verteilt habe. Ich erkannte sogar einige Kneipenbesitzer wieder. Jetzt die Schmuddelecke rund um die Oberbaumbrücke, da schäme ich mich für Berlin. Krankenwagen sammeln Schnapsleichen ein, Glas überall auf den Wegen, dunkle Gestalten, bloß weg hier. Eastside Gallery, bald geschafft.

Die nächsten VP steuere ich nur kurz an, jetzt gibt es kein Halten mehr. Ich kann wieder laufen. Beim letzten VP, 5 Kilometer vor dem Ziel, komme ich um die Kurve, da stehen viele Leute und ich höre Norbert laut rufen: Das ist sie, da kommt meine Frau! Die Leute klatschen, auch der VP bejubelt mich. Mit den Worten: „Ich hab jetzt die Schnauze voll“, machen wir uns gemeinsam auf die letzten 5 Kilometer. Ich reiche ihm meinen Gürtel, den ich seit Stunden nicht mehr um habe, sondern schräg über die Schulter gehangen hatte. Der Gürtel hat mir eine fette Verletzung rund um die gesamte Taille beschert. Norbert trägt mir noch ein Stück Melone für später und wir laufen die Bernauer Straße entlang. andrea zielDie Leute klatschen und sprechen uns an, es ist der Wahnsinn. Mir laufen die Tränen über das Gesicht, jetzt ist kein Halten mehr. Der letzte Anstieg Bernauer Straße, Abbiegen auf das Stadiongelände. Beim Einlauf in das Stadion sehe ich: Meine Tochter mit dem Schwiegersohn und dem fast einem Jahr alten Enkelsohn. Meine Tochter läuft mir entgegen, ich weine. Ich laufe die 300 m im Stadion, mir gehen tausend Dinge durch den Kopf, auch, dass ich in diesem Stadion donnerstags immer von den Trainern Andreas oder Steffen getrieben werde. Zieleinlauf. Glücklich. Norbert schickt mich wie immer nochmals zurück, um das richtige Zielfoto zu schießen. Ich hasse das.

Bis ich bei meiner Tochter bin, dauert es, andrea und sigrid zielviele Gratulanten, Sigrid sitzt im Ziel, wir umarmen uns und ich hab vor ihrer Leistung den Hut gezogen. Aber noch mehr ziehe ich den Hut und sage DANKE an Hajo Palm und dem gesamten Organisationsteam. Angefangen von der Startnummernausgabe, über die Nudelparty, das kurzweilige Briefing, die Versorgung an den VP, die Markierungen, und und und, man kann ja gar nicht alles aufzählen. Die beiden Siegerehrungen waren die schönsten, anspruchsvollsten, die ich in meiner zehnjährigen Ultrakarriere erlebt habe, auch wenn ich dann bei der Siegerehrung der Einzelläufer irgendwann eingeschlafen bin. andrea und norbert zielDie Moderationen von Alex und Hajo waren der Hammer. Ich finde, unser Verein ist dem Anspruch eines internationalen Lauf-Events mehr als gerecht geworden und hat die Messlatte enorm hoch aufgelegt. Auf der Strecke habe ich Meinungen eingesammelt, die durchweg begeisternd waren. Und das Feedback auf Facebook war auch sehr positiv. Ich bin stolz, Mitglied in so einem tollen Laufverein zu sein. Und wenn wir beim Danke-Sagen sind: Danke an meine Kinder, die mir so tolle emotionale Momente beschert haben und Danke an Norbert, der mir einmal mehr den Hintern gerettet hat.“

 

Text: Andrea Möhr, Fotos: Norbert Möhr