Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

Über 100 Runden in 29 Stunden: Matze in Zehdenick

“Ich werde nie einen 100km-Lauf absolvieren, habe ich noch vor zwölf Monaten gesagt. Aber nach der erfolgreichen Balaton-Umrundung in vier Tagen in diesem März reifte eine Idee in mir, diese Distanz im Rahmen eines 24-Stunden-Laufes – vielleicht im Rahmen der Deutschen Meisterschaft im September – zu probieren. Immerhin hätte ich dann hoffentlich die 91km meines Staffelparts vom Mauerweglauf als Erfahrung und es wären dann nur noch weitere 9km.

Wie Pläne bei Wettkämpfen oder in sonstigen Lebensbereichen lassen sich diese nicht immer aufrechterhalten, weil Unerwartetes dazwischen kommt. Bei mir waren es zum einen das Verpassen meiner gewünschten Distanz über sechs Stunden in Hoyerswerda. Ich war gut vorbereitet, aber den Bedingungen konnte ich nicht trotzen. Zum anderen erzählten mir Gritta und Steffen Sens vom Zehdenicker 29-Stunden-Lauf, der für ein Startgeld von 20 Euro nicht nur eine Rundumversorgung für die Laufteilnehmer bot, sondern ein Familien- und Sportfest als Rahmen noch dazu. Zahlreich angemeldete Mauerwegläufer versprachen ein kurzweiliges Wochenende und nach dem Lesen von Thomas Müllers Vorjahresbericht gab es für mich keine Zweifel mehr.

Vorbereitung ist alles
Mit der Erfahrung von drei Teilnahmen in Bernau als 24-Stunden-Staffelläufer wusste ich ungefähr, was ich für ein Laufwochenende gerade an persönlicher Ausrüstung benötigte. Allerdings musste ich dieses Mal selbst alles so vorbereiten, dass ich während des Wettkampfes auch alles finde und es sich unkompliziert händeln ließ. Einen Schlafplatz in seinem Zelt konnte ich bei Jörn Künstner ergattern, der mir als erfahrener 24-Stunden-Teilnehmer vorab hilfreiche Hinweise für Art und Menge der mitzunehmenden Laufsachen gab. Ich entschied mich für jeweils 3 kurze Shirts und Hose und für nachts jeweils etwas Langes, zwei Paar Schuhe und für nach dem Lauf ganz wichtig Sandalen.

Gut ausgeschlafen ging es am Wettkampf mit dem Auto nach Zehdenick. Freundlicherweise hat sich Heikos Frau bereit erklärt, Andreas, Heiko und mich dorthin zufahren. Vor Ort blieb mir genug Zeit, meinen Schlafplatz einzurichten und meinen Körper auf die hundert Kilometer vorzubereiten. Erstmals tapte ich alle Zehen, die Füße wurde mit Hirschtalg präpariert und andere Stellen mit Vaseline. Etwas Sonnencreme war auch notwendig, denn die Sonne schien bei blauem Himmel. Die Wetterbedingungen und -vorhersagen mit gut 22 Grad verhießen einen würdigen Rahmen für neue Ziele. Mit zwölf Mauerwegläufern ging es um 10 Uhr auf den 1,2km-langen Rundkurs – das Startfeld bestand am Ende aus 48 Einzelläufern sowie sieben Staffeln.

Auf dem Weg zu 100 Kilometern
Vorab hatte ich mir nach Gesprächen folgende Herangehensweise vorgenommen. Ein lockeres Tempo um die 7:00min/km zu finden, das ich dann so lange als möglich halten wollte, um so die 100er-Marke zu knacken. Soweit die Theorie, denn der Kurs war nicht flach. Er enthielt sechs Stufen aufwärts, mit anschließendem langgezogenem Anstieg, später ging es bergrunter und am Wasser entlang. Nach den ersten beiden recht zügigen Runden war ich dann als bald tatsächlich beim Wohlfühltempo 7:00min/km angekommen, was ich mir vorstellen könnte, über weitere Stunden ohne Probleme durchzuhalten.

Es lief gut und mit Martin Nier hatte ich einen Lauffreund, der ebenfalls ambitioniert seinen ersten 100km-Lauf anging. Wir bewältigten 21 Runden gemeinsam bis er getreu seiner Taktik nach 25 km eine geplante Pause einlegte. Zwei Runden später erblickte ich meine Mutter an der Strecke, die ich eingeladen hatte, zu diesem Laufevent zu kommen, hat sie doch in der Nähe von Zehdenick ein Wochenendgrundstück. Ich rief ihr zu, dass wir nach meiner nächsten Runde – also genau nach 30km – eine Runde gemeinsam spazierend verbringen könnten. Ich erzählte hier erstmalig von meinen Vorhaben, weil Mütter sich frühzeitig sonst Sorgen machen. Die Gehpause wurde mit einem Eis abgeschlossen, denn an der Strecke liegt direkt ein Eiscafé. Mit den besten Wünschen ging ich auf die restlichen 70 Kilometer, die ich nun ohne längere Pausen in Angriff nehmen wollte.

Der Laufrhythmus war wieder schnell gefunden und die 50km-Marke rückte langsam näher. Ebenfalls an der Strecke befand sich eine Physiotherapie-Praxis, die bis 18 Uhr Massage anbot. Zunächst ignorierte ich das Angebot, aber Körper und Kopf kamen Runde zu einer Entscheidung. Ich würde wohl der vertanen Chance nach 18 Uhr hinterhertrauern und meldete mich aus dem vollen Lauf heraus beim Ladeninhaber an, der in seiner freien Zeit Anfeuerungen gespart hatte. Kurz vor dem Ende meiner 42. Runde (50,4km) machte ich einen Abstecher zu unserer Basis, holte etwas Geld und mein Ladegerät für die Uhr. Mit einem alkoholfreien Bier ging ich die 200 Meter zur Praxis. Zunächst meiner Uhr Zugang zum Saft der Steckdose verschaffen, damit sie so lange wie möglich meinen Lauf aufzeichnete. Dann ließe ich mir eine halbe Stunde vor allem die Oberschenkel und den unteren Rücken lockern. Nach über sechs Stunden war da schon einiges fest. Der Masseur verstand sein Handwerk, wie ich schmerzvoll feststellte, aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Die Hälfte ist geschafft
Mit der Gewissheit, die Hälfte meines Zieles schon geschafft zu haben und einer wohltuenden Erholungspause, kehrte ich euphorisch auf die Strecke zurück. Mit 7:30min/km war mein Wohlfühltempo etwas langsamer. Aber mit diesem wollte ich nun meinen Distanzrekord von 72,7km beim Rennsteig-Supermarathon 2016 einstellen. Zweieinhalb Stunden lief das flüssig und fast ein weiterer Halbmarathon war auf meiner Habenseite.

Kurz vor der 70km-Marke passierte ich unsere Basis, an der ein paar Mauerwegläufer Nudeln essend pausierten. Der Kopf wollte weiter, denn der Distanzrekord wartete doch. Die Beine und Magen waren anderer Meinung. Sie folgten Jörn Künstners Aufforderung: „Mach doch mal eine Pause und iss was!“ Ich lief also zum Verpflegungspunkt und kehrte mit einem Erdinger & Pasta wieder zurück. Kurz sträubte ich mich noch, mich hinzusetzen aus Respekt vor dem späteren Wiederaufstehen. Aber dann tat es gut mit den anderen zu schwatzen und die Beine etwas hochzulegen. Gestärkt und mit meinen guten Gefühl durch den Wechsel in frische Schuhe und Laufsachen, legte ich mich dann noch für ein paar Minuten auf die Erde. Den Tipp, die Füße hoch an den Zaun zulegen, habe ich ebenfalls von Jörn. Er hat dies bei seinem Sechs-Tage-Trip praktiziert und für gut befunden. Wie bei allen weiteren Pausen holte ich meine Uhr von der Ladestation und begann quasi meinen vierten Laufabschnitt.

Mit dieser Pause war ich doch nun bereit für die 100. Wie selbstverständlich erreichte ich nach 10:30 Stunden die imaginäre Supermarathon-Marke und für einige Runden auch wieder Martins Gesellschaft. Er war auf seinem dritten 25km-Abschnitt unterwegs und unsere Tempen harmonierten gut. Als er in eine Gehpause überging, kam ich aus meinem Laufrhythmus raus. Eine Runde quälte ich mich allein weiter, bevor es mich bei rund 85km wieder zur Basis zog für eine Pause. Es war mittlerweile 22:15 Uhr, dunkel und es wurde kälter. Es war ein idealer Zeitpunkt, die längeren Klamotten anzuziehen und sich für die Nacht zu vorzubereiten. Den Strumpfwechsel nutze ich für die Kontrolle meiner Fußtapes und Nachschmieren mit Creme. Alles okay – es kann weiter gehen.

Ziel erreicht
Ich laufe nachts sehr gerne und jetzt hegte ich die Hoffnung endlich den Deckel drauf zu machen. Alle drei Runde eine kurze Getränkepause am Verpflegungspunkt und weiter. Kurz vor Mitternacht, also nach knapp 14 Stunden erreichte die 91km, die ich planmäßig ja eigentlich erst im August beim Mauerweglauf bewältigen wollte. So fühlt sich das also an, vom Start bis Sacrow durchzulaufen. Und wie fühlen sich 100km an? Zäh und gefühlt lief die Marke vor mir weg. Ich musste um sie kämpfen. Noch sieben Mal die Treppe hoch, an der Kirchturmuhr vorbei und die lange Gerade zum Ziel entlang.  1:20 Stunden dauerte es, dann war es soweit: Nach 15:22:40h betrat ich den Kreis den 100km-Club. Ich traf gefühlt auf dieser Runde noch fast alle teilnehmenden Mauerwegläufer und holte mir ein paar Glückwünsche. Am Verpflegungspunkt wollte ich mir eigentlich ein Bier geben lassen und eine Ehrenrunde spazieren. Ich traf dort Heiko und wir aßen gemeinsam Nudeln.

Nach 45 Minuten Beine Hochlegen wollte ich weiter, um nun noch ein paar Bonusmeilen zu gehen. Müdigkeit verspürte ich nicht, aber Laufen wollte meine Beine nicht mehr. Nach zwei Wanderrunden überkam ich doch die Müdigkeit, kalt wurde mir auch und mein Körper war wohl auf Ruhe aus. Im Zelt liegend hörte ich noch Mike Friedl andere nach mir fragen, der mir vor mir ein paar Minuten noch „Und jetzt machst du noch die 100 Meilen voll“ zugetraut hatte. Abwarten – erstmal wollte ich zweieinhalb Stunden schlafen.

Durch grölende Angler wurde ich etwas früher wach als geplant. Es war schon wieder hell, aber Lust zum Aufstehen wollte nicht aufkommen. Aber schließlich waren noch 9:30Stunden Zeit für mich, weitere Kilometer zu schaffen, vielleicht meinen Top-10-Platz zu verteidigen, den ich zumindest vor dem Schlafgehen innehatte, vielleicht… Erstmal anziehen und dann weiter. Etwas steif aber immerhin bin ich die flachen und Bergab-Passagen gelaufen, den Rest gehend. Von 5:30 Uhr bis 7:30 Uhr schaffte ich so 10km. Dann wollten die Oberschenkel nicht mehr, also Nudelpause mit anschließendem Beine Hochlegen am Zaun.

Die letzten Stunden
Sieben Stunden vor Rennende habe ich mich wieder aufgerafft, um den mittlerweile 114km weitere durch den Wechsel von Gehen und Laufen 47km hinzufügen. Mit einen Tempo  von knapp 9:00min/km doch wohl nicht illusorisch. Aber die Beine sprangen auf die Idee nicht an. Mehrmals probierte ich es aus, ins Laufen zu kommen – vergeblich. Nach ein paar Metern bin ich zurück ins Gehen. Gut also nix mit 100Meilen! Schade wäre auch zu schön gewesen wie vor drei Jahren in Rodgau zwei Stufen mit einmal zu packen: Marathon und Ultra und 100km und 100Meilen. Sind andere Hausnummern, aber soll ich deswegen aufhören. Schnell war ein neues Ziel gefunden: durchgehen zum Rennende um 15Uhr und so den Platz acht verteidigen.

96 Runden hatte ich bereits, als ich mir folgende Hochrechnung durchging. Ich benötige gehenderweise rund 15 Minuten pro 1,2km-Runde. So könnte ich bei 6:30 Stunden also noch 26 hinzufügen – das wären dann 146,4km. Mit Blick auf die Kirchturmuhr konnte ich mein Vorhaben jede Runde überprüfen. Entweder Claudia, Heiko und Sonja Kley bin ich gewandert. Wenn ich mal allein war, ich habe das Anlaufen probiert. Aber es wollte nicht. Gut, aber die Alternative funktionierte gut. Ich blieb in meinem Zeitplan. Mein Wille war stark und während andere Läufer teilweise mit ihrer Motivation haderten. Mein einziges mentales Tief blieb bis zum Ende, das nach 70km. Jetzt rollte die Kilometer  120,130,140. Vor der letzten Stunde war ich mir meines Zieles gewiss. Die letzten vier Runden würde ich schaffen und das Rennen sogar als Gesamtsiebter beenden.

Für die vorletzte Runde habe ich mir ein Erdinger geben lassen und war einfach selig. Überraschenderweise war meine Mutter meiner SMS gefolgt und pünktlich vor Rennende wieder an der Strecke. Das rührte mich doch etwas. Auf der Runde lief René Kloberdanz an mir vorbei  mit dem ich zuvor lange vor dem Zeitmonitor gestanden hatte. „Wir haben noch zwölf Minuten bis zum Ende“, rief er mir zu und wollte ihm hinterherlaufen. Erstaunlicherweise streikten meine Beine dieses Mal nicht. Aber nach ein paar Metern bin selbst zurück ins Gehen. Ich hatte doch Zeit und wollte mein Finish genießen. Ich konnte meine Mama umarmen und ein Schwätzchen mit den Läufern an der Basis halten, die nur meinten, ich soll die Runde noch zu Ende bringen. Gemütlich ging ich über die Rundennahme und konnte meine 29-Stunden-Distanz mit 146,4km zementieren.

Fazit
So fühlen sich also 100km an, so fühlt ein sich 24-Stunden-Event oder eben ein etwas Längeres. Laut Aufzeichnung war ich fast 21:30Stunden in Bewegung. Körperlich ist das ganz zu schaffen. Eigentlich wollte ich die 100 am Stück schaffen. Aber woher soll mein Körper das können. Ich war vorher auf ein 6-Stunden-Lauf trainiert. Sich die Distanz in Einzeletappen von 30,20,20,15 und 15km aufzuteilen, sich zwischendurch belohnen und ausruhen haben das ermöglicht. Und jeder weiterer Kilometer obendrauf ist einfach nur geil.

Vielen Dank insbesondere an Heiko und seiner Frau für die Heimfahrt. Ich war körperlich nach der Fahrt so am Ende, dass ich nur mir zittrigen Beinen laufen konnte und nichts tragen konnte. Danke auch an das Veranstaltungsteam in Zehdenick und alle Läufer vor Ort.”

Text: Matthias Weiser
Fotos: Sonja Kley, Marion Setzepfand, Matthias Weiser

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