Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

Mit einer Regenjacke fing alles an: „Matze“ Weiser und der Weg zu seinem ersten Ultramarathon

Matthias Weiser wollte eigentlich nur mal eben beim LGM-Vorsitzenden eine Lauf-Regenjacke kaufen. Naja, beim Kauf allein ist es nicht geblieben. “Matze”, der bis dato nur kürzere Distanzen kannte, entdeckte in relativ kurzer Zeit seine Leidenschaft für den Ultramarathon. Und für die Mauerwegläufer. Höhepunkt: Der 50-Km-Lauf Ende Januar in Rodgau. Seine ganze Geschichte erzählt er nachfolgend… Ungekürzt, weil so faszinierend!

Matze Rodgau

“Ich bin am 31. Januar in Rodgau beim traditionellen 50er angetreten. Allein schon der Weg dahin war rückblickend traumhaft. Ich möchte mich an dieser Stelle bei vielen Menschen für ihre Unterstützung bedanken und bitte zu entschuldigen, falls ich jemand in diesem Bericht nicht erwähnt habe.

Ende Oktober 2014 lernte ich Dr. Ronald Musil kennen, um bei ihm zu Hause eine Regenjacke zu testen. Doch aus dem geplanten kurzen Besuch wurde ein 30-minütiger Austausch über das Laufen. Er stellte sich mir als Vereinsvorsitzender der LG Mauerweg Berlin e.V. vor und empfahl mir das Lauftraining seines Vereins. Idealerweise hat er mir Laufschuhe von Hoka für einen Lauf-Test angeboten

Begeistert von den Schuhen und dem Wissen bin ich gespannt zum Training am folgenden Dienstag gegangen, das von Andreas Deák geleitet wurde. Mit seiner ganz eigenen sympathischen Art hat mir Andreas Hinweise für ein effektiveres, schonendes Laufen gegeben. Nach dem Lauf hat mich Steffen dazu ermuntert, am 9. November am 25 km-Lauf vom S-Bahnhof Hermsdorf zum Brandenburger Tor teilzunehmen. Das ist der Mauerweg-Lauftreff der LGM, der an jedem 2. Sonntag im Monat stattfindet.

Da mir eine solche Distanz allerdings (noch) zu weit war, hatte ich mir vorgenommen, nach 17,5 km an der Bornholmer Straße auszusteigen. Bereits vor dem Lauf war ich von Konzept, Auftritt und den Menschen der LG Mauerweg so angetan, dass ich meine Mitgliedschaft beantragte. So konnte ich meinen ersten Lauf auch sehr stolz in dem fast schon traditionellen, neongelben Shirt der Mauerwegläufer absolvieren. Obwohl mir vor allem die letzten Kilometer etwas schwer fielen, bin ich doch sehr glücklich über mein Abschneiden gewesen.

Ich besuche seitdem regelmäßig das Training und konnte meinen persönlichen Distanzrekord im Rahmen eines Ultramarathons bereits zwei Wochen später auf 20 km erhöhen. Die letzten Kilometer konnte ich gemeinsam mit Alexander von Uleniecki im entspannten Tempo von 7:00 Min/ km zurücklegen.

Den gesamten Dezember über habe ich fast ausschließlich mit eigenen Läufen verbracht. Nur bei einem hatte ich Gesellschaft – mit Anke am 26.12. beim Gänsebraten-Verdauungslauf. Während dieser 10 km hat mich Anke angespornt und mir als Erste zugetraut, dass ich in 2015 meinen ersten Marathon bewältigen würde, was mir sehr utopisch vorkam, aber unheimlich Auftrieb gab und meinen Glauben in die eigenen Fähigkeiten stärkte. Bereits eine Woche vorher hatte ich mich von der Anmeldewelle zahlreicher LGM-Läufer anstecken lassen und mich für den Rodgauer 50-Km-Lauf angemeldet. Allerdings nur mit der Aussicht, dort vielleicht fünf Runden absolvieren zu können. Es sollte anders kommen…

Voll motiviert habe ich die Laufevents der LGM im Januar in Angriff genommen. Mein erstes Ziel war, den Mauerweg-Lauftreff mit einer Länge von 25 km komplett zu bewältigen. Das habe ich keinem der Mitläufer mitgeteilt und bin von Anfang an am Ende der Gruppe gelaufen. Nach ca. 4 km sprach mich Andrea Möhr an und fragte nach meinem Wohlbefinden. Dabei verriet ich ihr mein Vorhaben und meine Skepsis. Ihre Antwort war überraschend: “Dann laufe ich heute in deinem Tempo und gemeinsam werden wir das schaffen!” Später gesellte sich Itta Olaj dazu und damit hatte ich bis zum zweiten Verpflegungspunkt zwei sehr charmante Begleiterinnen an meiner Seite. Die Kilometer vergingen wie im Flug, was vor allem an den Schilderungen von Andrea über ihre Lauferlebnisse und Erfahrungen bei Dingen wie Verpflegung und Laufeinteilung lag. Diese lehrreichen Kilometer haben mir eine Menge gegeben und einige Tipps habe ich mittlerweile übernommen. Das hat mich voran gebracht! Überglücklich bin ich dann allen noch Anwesenden am Ziel um den Hals gefallen, da das Erreichte mich so überwältigt hat.

Beim darauf folgenden THF6 hatte ich mir mit Anke 24 km vorgenommen, die wir gemeinsam auf einem fast windstillen, sonnigen Tempelhofer Feld meistern konnten. Als persönliche Challenge habe ich mir danach noch eine Runde allein vorgenommen, um bei Wettkämpfen auch allein bestehen zu können. Alles eine Sache des Kopfes! Mit einem Tempo von 8:30 Min./km ist mir das auch gut gelungen, sodass ich für Rodgau nun mit sechs 5-Kilometer-Runden geliebäugelt habe. Noch kurz ein Wort zum THF6: Die Idee, sechs Stunden auf dem Tempelhofer Feld zu laufen und die (Wechsel-) Sachen ablegen zu können und dann auch mit Getränken und Snacks alle 6 km versorgt zu werden, ist einfach genial und ich freue mich sehr darüber, mit dazu zu gehören.

Um die nun gerade erreichten 30 km zu bestätigen, bin ich am 25. Januar mit mehr als 30 Läufern beim Berliner XXL-Lauf rund um Spandau gestartet. Entlang der Havel ging es über Kladow und Großglienicke bis nach Staaken. Dank Alex’ fürsorglicher Tempogestaltung konnte ich diesmal nach absolvierten 28,5 km glücklich nach Hause fahren. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass es bei sehr vielen XXL-Läufen die Möglichkeit gibt, sie zu verlassen oder später einzusteigen, da die Laufstrecken an Orten mit direktem Zugang zur BVG oder S-Bahn liegen. Ein Lob an die Streckenplaner des XXL (bedeutet immer: Mehr als Marathon…).

Bild Rodgau

Fünf Tage nach dem XXL ging es mit sieben weiteren Läufern nach Rodgau. Harald Reiff hatte wunderbarerweise einen Kleinbus gemietet und sich auch um die Hotelreservierung gekümmert. Ohne Stau hat er uns sicher in knapp fünf Stunden ans Ziel gebracht. Am Morgen des Wettkampfes saß ich mit Wolfgang Schwericke am Frühstückstisch und wurde nach meinen Zielen bei dem 50 km-Lauf gefragt. Etwas kleinlaut habe ich sechs der insgesamt zehn möglichen 5km-Runden genannt. Wolfgang verriet mir, dass er die sechs Stunden voll ausnutzen wolle und mit einem Tempo von 7:00 Min./km anfangen werde. Damit hatte ich meinen Laufpartner gefunden! Insgesamt sind 13 Läufer der LG Mauerwerg an den Start gegangen, sehr gut erkennbar an ihren neongelben Shirts. Insgesamt wurden 853 Läuferinnen und Läufer auf die gut präparierte Strecke geschickt. Temperaturen um 2°C mit teilweisem Sonnenschein und etwas Wind ergaben wunderbare Laufbedingungen.

Die Laufrunde war die ersten zwei Kilometer asphaltiert, wobei nur die ersten 800 Meter durch Bäume windgeschützt sind. Es folgt ein Kilometer Waldweg, bei Streckenkilometer 2,7 ist ein Wendepunkt, sodass sich die Läufer auf rund 500 Meter im Gegenverkehr begegnen. So können sie sich abklatschen und anfeuern. Außerdem wurde hier abwechslungsreiche Musik gespielt, was die Stimmung zusätzlich hob. Die folgenden 700 Meter bestehen aus einem teilweise asphaltierten Weg, auf dem es während des gesamt Laufes windig war. Die restlichen 1,3 Kilometer bis zum Start/Ziel liegen im Wald, wobei es kurz vor der 4km-Marke einen kurzen, aber heftigen Anstieg gibt, dem sich die letzten sehr entspannten 1.000 Meter anschließen.

Mein persönlicher Plan war es, so lang wie möglich mit Wolfgang mit zu laufen, so dass wir die ersten drei Runden in 6:45 Min./km absolvierten. Wolfgang lief immer etwas vor mir, wobei sich die Distanz in der vierten Runde auf 300 Meter vergrößerte, da ich mittlerweile mein Tempo auf einen 7er-Schnitt verlangsamte, um mein Ziel mit meinen Reserven und meiner Erfahrung zu erreichen. Er kam kurz zu mir zurückgelaufen und gab mir Bescheid, dass er sein Tempo halten müsse, um sein Ziel nicht zu gefährden, die sechs Stunden zu unterbieten. Ich dankte ihm und war nun auf mich allein gestellt, mein Ziel von sechs Runden zu erreichen.

Nachdem ich für die vierte Runde 35 Minuten benötigte, folgten anschließend Rundenzeiten von 37:16 bzw. 37:58. In diesen Runden wurde ich von Itta, Alex sowie Jörn überrundet und angefeuert, was mir Auftrieb gab. Und ich entschied mich, meinen Lauf zu verlängern. Außerdem wäre bei diesem Tempo sogar noch die Cutoff-Zeit von sechs Stunden für mich drin gewesen. Nach jeder beendeten Runde war ich von mir selbst überrascht, zu welchem Tempo ich bis einschließlich der siebten Runde fähig bin, sodass ich Start/Ziel mit leichtem Kopfschütteln, aber einem breitem Grinsen passieren konnte.

Gegen Ende der siebten Runde habe ich meine erste Gehpause einlegen müssen (zusätzlich zu der am Verpflegungspunkt), da ich meinem linken Oberschenkel etwas Pause gönnen wollte. In diesem Moment habe ich überlegt, nach 35 km auszusteigen. Allerdings hatte ich noch knapp zwei Stunden, um dieses Flair weiter zu genießen und ehrlich gesagt wusste ich auch nicht, was ich alternativ hätte machen sollen, während alle anderen Mannschaftskameraden noch auf der Strecke waren. Also entschloss ich mich von nun an, nach jeder Runde neu zu entscheiden: Weiterlaufen oder aufhören?

Die achte Runde war von zahlreichen Gehpausen geprägt, auch beim Anstieg vor dem letzten Kilometer, den ich mit großer Anstrengung bezwang. Nina und Harald ermunterten mich bei der Umrundung, mein Tempo beizubehalten und immer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Außerdem hatte ich soeben die Marathonmarke passiert, die für mich Motivation genug war, die neunte Runde anzugehen. Kurz vor dem Erreichen meiner ersten Marathondistanz in 5:07 h überrundete mich Andreas mit den Worten: „Ganz großes Kino heute!”. Was für ein Gefühl, diese Marke so ungeplant erreicht zu haben. Die zehnte und damit letzte Runde habe ich mir in dem Moment als persönliche Ehrenrunde vorgenommen…

Als ich nach 5:39 h meine letzten Kilometer in Angriff nahm, bemerkte ich eine/n sich schnell von hinten nähernden Läufer/in. Zu meiner Überraschung war es Nina, die Geschäftsführerin der LGM, die sie sich ganz spontan entschloss, mich auf der letzten Runde zu begleiten, worüber ich mich bis heute sehr freue.

Es folgten Lauf- und Gehphasen bis es nur noch ca. 1,5 km zum Ziel waren. Auf dem windigen Feldwegabschnitt habe ich bei der letzten Passage in den Wind gerufen: „Du sch… Acker! Dich habe ich heute zehnmal passiert!“, was Nina belustigt zur Kenntnis nahm. Die Aktion kam spontan, da dies mein persönlicher Hass-Abschnitt beim Rodgau-Lauf war. Ich weiß nicht, ob ich das Folgende auch ohne Begleitung versucht und auch geschafft hätte. Mein Vorsatz war es, die letzten 1.500 Meter zu laufen – ohne Gehpausen. Voller Elan und die letzten Reserven mobilisierend habe ich den kleinen Anstieg zum Schluss bezwungen, wobei meine Leiden dabei nicht zu überhören waren. Rund 400 Meter vor dem Ziel hatte ich erwartet, die digitale Zeitnahme mit den roten Zahlen zu sehen, was mich am Ende der Runden bisher sehr motiviert hatte und das Erreichen weiterer 5 km ankündigte. Leider war diese schon abgebaut, nahm mir aber nicht den Willen, bis ins Ziel durchzulaufen. Überglücklich bin ich im Ziel Nina dankbar um den Hals gefallen und habe ihr herzlich für die mentale Unterstützung gedankt.

Mit einem heißen Becher Tee sind wir ganz gemütlich zurück zur Turnhalle gegangen, wo die Siegerehrungen schon begonnen hatten. Dort wurde ich von Andrea, Jörn, Toni, Harald und Wolfgang euphorisch empfangen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie andere meine Leistung beurteilten. Die Glückwünsche und Hilfsbereitschaft in der Halle haben mir einen warmen Schauer beschert und mir gezeigt, was für tolle Menschen dieser Verein hat!

Fast alle Mauerwegläufer haben den 50km-Ultramarathon des RLT Rodgau beendet. Itta war mit 4:47:12 die Schnellste im LGM-Trikot, knapp vor Alexander von Uleniecki. Es folgte Jörn, der seinen ersten Ultra mit 5:00:17 beendete, sowie Bernd Kutz mit ebenfalls knapp über fünf Stunden. Nina, Harald, Toni, Andreas, Mike Friedl, Andrea und Wolfgang konnten Zeiten von 5:23 bis 5:42 vorweisen. Glückwunsch an alle und ein Dankeschön für Eure Unterstützung und Fürsorge! Meine erste 50km-Zeit ist 6:21:56, wobei ich mich über das Finish am meisten freue. Es war ein unvergessliches Erlebnis, bei einem so toll organisierten Lauf dabei gewesen zu sein. Ein großer Dank an alle Helfer an der Strecke und die Organisatoren der RLT Rodgau.”

(Matthias “Matze” Weiser, LG Mauerweg Berlin e.V.)