Alles über 50 Kilometer war bis Samstag noch Neuland für ihn: Boris Arendt über seine Rennsteig-Premiere, die zugleich sein erster offizieller Ultralauf war.
„Der Einlauf an der Verpflegungsstelle Grenzadler bei Kilometer 54,7 wirkte für mich wie eine vorgezogene Ziellinie. An diesem Punkt konnte man ganz offiziell mit Zeitnahme aussteigen, und mir wurde plötzlich klar, dass ich noch nie in meinem Leben so lange und so weit gelaufen war. Zwei Wochen vorher bin ich mit der LG Mauerweg das erste Mal 50 Kilometer gelaufen und jetzt war es da – das langersehnte Neuland. Es fühlte sich gut an. Meine Beine waren müde, aber ich spürte eine Kraft, die mir sagte: Du schaffst auch locker den Rest.
Kurz hinter dem Grenzadler begegnete ich Fred. Wir kannten uns nicht, liefen eine Weile wortlos nebeneinander her. Der Weg ging in eine leichte Steigung über. Wäre Fred nicht neben mir gewesen, hätte ich sicher eine kleine Gehpause eingelegt. Er vielleicht auch. Wir liefen weiter. ‚Wie spät ist es?‘ fragte er plötzlich. ’13:26′ antwortete ich. Es mussten noch ungefähr 15km sein. Wir schauten uns an und lachten. ‚Wir sehen uns im Festzelt‘, sagte Fred. ‚Hol sie Dir, die Sub9‘, rief ich. Er rannte los und war schon bald nicht mehr zu sehen. Dies war eine von vielen Begegnungen, die mich unglaublich anspornte.
Es folgten ein paar unangenehme und sehr lange Steigungen. Ich schaltete ein Gang höher. Die Kraft war ja da. Die Anstiege bewältigte ich jetzt schneller als am Anfang. Bald war ich am höchsten Punkt der Strecke bei 973 m. Die Müdigkeit war weg. Bergab fing ich an zu rennen und zog das Tempo nochmal an bis zum nächsten Verpflegungspunkt bei 64 km. Ich begegnete Thomas und gemeinsam tänzelten wir im 200er-Takt (danke, Andreas Deak) den Berg runter. Am Verpflegungspunkt Kreuzwege bei 68km reichte mir eine Helferin ein Bier und sagte lächelnd: ‚Noch 4 km.‘ Ich kippte das Bier runter – jetzt gab es kein Halten mehr. Ich konnte Schmiedefeld regelrecht spüren und ich sprintete im Höllentempo weiter.

Dabei muss ich derart merkwürdige Geräusche von mir gegeben haben, dass einige Läufer sich sorgenvoll nach mir umschauten. ‚Emotionen‘, beruhigte ich sie mit feuchten Augen und rannte weiter. Die letzten Kilometer flog ich von Adrenalin und Endorphinen durchflutet entlang der anfeuernden Zuschauer ins Ziel. Ich riss die Arme hoch und sah auf einmal Jörn und Velo Tom vor mir. Umarmungen und Glückwünsche im Runners High. Es war geschafft. 9 Stunden und 19 Minuten durchgelaufen. Ich war so glücklich.
Dieses derart perfekte Finish hatte mich völlig überwältigt. Es zahlte sich offenbar aus, dass ich gerade in der Anfangsphase ab Eisenach zusammen mit Angela und Diana in sehr zurückhaltenden Tempo gelaufen bin.
Später begegnete ich Alex und gemeinsam bewältigten wir den Anstieg zum Großen Inselberg bei 25 km. Ich unterhielt mich kurz mit Steve und war in der zweiten Hälfte mehr oder weniger allein unterwegs. Gerade durch die Gespräche während des Laufs war die erste Hälfte unglaublich kurzweilig. An der Marathonmarke wurde mir klar: Das wird was. Ich traute mich mehr aus der Reserve. Mit jedem Verpflegungspunkt wurde ich sicherer. Bloß nicht stehenbleiben. Und das Finale im RunnersHigh machte diesen ersten Lauf dann zum perfekten Einstand in den Ultrabereich.
Jetzt gönne ich mir erst mal eine kleine Pause. Die nächsten Ziele kommen bestimmt. Am Abend fielen nach dem zweiten Bier Begriffe wie Zugspitze oder Laugavegur in Island. Der Rennsteiglauf 2016 ist in jedem Fall fest eingeplant.“
(Text: Boris Arendt, Fotos: Jörn Künstner, Alexander von Uleniecki)