Mauerwegläufer Alexander von Uleniecki wollte eigentlich beim Thüringen-Ultra über 100 Kilometer sein drittes Sternchen abholen. Aber die Mörderhitze machte ihm einen Strich durch die Rechnung, wie er selbst berichtet. Und dennoch blieb am Ende ein Erkenntnisgewinn.
„Klar, Läufe will man zu Ende laufen. Vom Start bis ins Ziel. DNF (Did not finish) sieht irgendwie doof aus. Aber eigentlich hätte ich es ahnen müssen, dass es nicht mein Tag werden sollte, denn schwüle Hitze ist überhaupt nicht mein Ding. Das ist kein Geheimnis, trotzdem wollte ich es wissen. Wofür gibt es Brechstangen? Und überhaupt: Jetzt ist man schon angemeldet, trifft vor Ort liebe Menschen, die man kennt und schätzt. Ich bin da wie berauscht von einer gewissen Vorfreude, die Risiken und negative Gedanken ausblendet. An die 38 Grad waren vorhergesagt, überall wurde vor körperlicher Anstrengung im Freien gewarnt. Links im Ohr rein, dann schnell wieder raus. 100 Kilometer, selbst beim profilierten Thüringen-Ultra, werden auch unter diesen Bedingungen irgendwie zu machen sein – dachte ich bei der Fahrt nach Fröttstädt bei Gotha. Dass ich in der Vergangenheit bei derlei Wetter schon häufig gelitten, solche Tage verflucht habe – völlig ausgeblendet.
Start ist schon um 4 Uhr in der Früh. Eigentlich ein Vorteil, aber für mich an diesem denkwürdigen Gluthitze-Tag egal. Schon am Vormittag rann mir der Schweiß aus den Poren, so als wären Schleusentore geöffnet. Aber noch ging es mir gut, ich trank ja auch regelmäßig und
relativ viel aus meinem Rucksack oder an den Verpflegungspunkten. Zwischendurch immer mal wieder eine Salzkapsel, um das Ausgeschwitzte wieder dem Körper zuzuführen. Nach etwa sieben Stunden erreichten Itta und ich den zweiten Wechselposten bei Kilometer 54. Bis auf brennende Fußballen vom Bergablaufen auf Asphalt gab’s keine Beschwerden.
Aber dann nahm das Drama seinen Anfang… Gute 8 Kilometer zog sich die nachfolgende Steigung, teils in praller Sonne. Meine Uhr zeigte 38 Grad an. Auf einer Bank sehen wir unseren Jörn mit dem Daumen nach unten. Erschöpft und scheinbar am Ende. Alles andere als motivierend. Im Stillen hatte ich gehofft, er würde mich zum Aufhören überreden und mit mir zurück zum Wechselposten marschieren. Aber nix dergleichen kam. Vielleicht ahnte er schon, diesen verdammten Glut-Ultra doch noch zu finishen… Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Wir gingen weiter bergauf, mit immer kürzer werdenden Schritten. Spätestens ab diesem Augenblick stellte ich mir die verdammte Sinnfrage. Was machen wir hier? Wieso um alles in der Welt mussten wir uns gegen alle Hitzewarnungen stellen? Der Kopf wollte nicht mehr, dann auch folgerichtig der Körper. Stecker gezogen, nichts scheint mehr zu gehen. Einen eigentlich wunderschönen Trailpfad hinab ins Tal versuchten wir nochmal zu laufen bzw. zu traben. Da wollte der Kopf plötzlich wieder, zumindest etwas. Doch schon beim ersten Meter flachen Asphaltweg war der kleine Hoffnungsschimmer wie weggeblasen. Mein Gott, was für eine Tortur! Dann kleiner Krisen-Rat zusammen mit Itta: Wollen wir uns weiter schinden? Ganz ohne jeden Spaß? DNF ist wie Sitzenbleiber früher in der Schule. Ziel verpasst. Eigentlich eine persönliche Schmach, der ich unter normalen Umständen möglichst aus dem Weg gehe. Aber diesmal zögerte ich mit meiner Entscheidung keine Sekunde: Ich will raus! Und Itta gleich mit. Es war für mich eine große Erleichterung, nach 77 Kilometern aussteigen zu dürfen. Keine Enttäuschung im eigentlichen Sinne. In die Erschöpfung mischte sich eher ein Gefühl des Stolzes, auf den Körper gehört und eine „Niederlage“ auch mal zugelassen zu haben. Nicht immer einfach für einen, der eigentlich die „Muss-ich-schaffen-Mentalität“ verinnerlicht hat.
Die Gelöstheit nach diesem Ausstieg hielt auch bis ins Ziel an, zu dem wir vom Veranstalter gefahren wurden. Früher hätte ich mich aus dem Fahrzeug geschlichen und versteckt, wäre völlig enttäuscht gewesen. So aber war ich nur glücklich, diesen Glut-Ultra gut überstanden zu haben und konnte mich mit jenen von Herzen freuen, die eine andere Entscheidung getroffen und sich bis nach Fröttstädt durchgekämpft hatten.
Gewonnen habe ich in jedem Fall eine Erkenntnis: Läufe bei solcher Hitze und über eine so große Distanz sind einfach nix für mich! Basta! Und der nächste Thüringen-Ultra – so viel steht schon fest – wird, ja muss wieder kühler sein! Denn eigentlich laufe ich Läufe zu Ende… 😉 “
Text und Fotos: Alexander von Uleniecki