Roth Norbert AndreaDie Mauerwegläufer Andrea und Norbert Möhr waren im deutschen Triathlon-Mekka am Start. Norbert nach seiner Verletzungspause „nur“ als Läufer einer Staffel – aber er hat sich dabei eine Extraportion Motivation fürs nächste Jahr geholt. Andrea wollte (eigentlich…) ihre letzte Langdistanz machen. Und lässt danach ihre 226 Wettkampfkilometer für uns Revue passieren,.

„Als Norbert und ich uns vor einem Jahr bei der Challenge Roth angemeldet hatten, war ich noch mit ganzen Herzen Triathletin und fieberte meinem 5. Ironman mit Spannung entgegen. Es sollte mein letzter Ironman, aber der größte werden. Doch es kam anders: Norbert und ich wurden Mitglied in der LG Mauerweg und ich entdeckte die Liebe zum Ultralaufen wieder, die ich drei Jahre lang wegen des Triathlons nicht ausleben konnte… Angestachelt von den Trainingspartnern in der LGM, entschied ich mich rasch, über die 100 Meilen zu starten und eben ein Triathlon-/Ultrajahr daraus zu machen. Planmäßig, aber mühselig für mich der Start in das Frühjahr mit dem Radtrainingslager auf Mallorca. Kurz danach das Challenge-Roth-Aus für Norbert, Leistenbruch und OP. Dennoch finishte Norbert die geplante Halbdistanz in Hannover in einer hervorragenden Zeit, während ich auf die Halbdistanz verzichtete und es vorzog, Ultra zu laufen. Das Frühjahr war kalt, zum Freiwasserschwimmen viel zu kalt und zum Radfahren zu ungemütlich. Wieder zog ich es vor, zu laufen. Eine Woche vor dem großen Ereignis versuchte ich noch, mit den Höhenmetern beim Thüringen Ultra das fehlende Radtraining auszugleichen. Dass es eine Hitzeschlacht werden und mir zusätzlich Reserven abfordern würde, ahnte ich nicht. Ich stand in Roth mit einem Freiwasserschwimmtraining und viel zu wenigen Radkilometern am Start, wohl wissend, dass es eine harte Nummer wird, aber mental so stark, dass ich wusste, nichts und niemand kann mich am Finish hindern. Eventuell ein Raddefekt, der passiert aber nicht, habe eben den besten Radmechaniker an meiner Seite und einen Defekt hatte ich noch nie, also warum ausgerechnet in Roth?

Norbert startete in einer der beiden TSC-Berlin Staffeln auf der Marathondistanz, hatte eigentlich auch zu wenige Trainingskilometer in den Beinen und war dementsprechend nervös. Er musste seine Staffel durchbringen, unbedingt, ein Druck, den er nicht alle Tage braucht.

Nun der erste Schock am Samstag bei der Vorbereitung des Rades: Die Schaltung funktionierte nicht, obwohl das Rad erst einen Tag vorher aus der Werkstatt gekommen war. Panik pur, aber in dem Ort, wo wir wohnten, gab es 100 Meter entfernt einen Radmechaniker. Ein echter Bayer richtete mein Rad, ich verstand ihn nicht, aber er sein Handwerk umso besser. Alles gut…

Roth Check-inTriathlon ist eine Rödelei vor und nach dem Start, und mittendrin ist es nicht besser. Nudelparty und eine Stunde Briefing, vier Kleiderbeutel abgeben und Rad-Check-in. Der nächste Schock bei der Helmkontrolle: Mich schickte der Kampfrichter wieder zurück, einen neuen Helm kaufen, meiner würde nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen entsprechen. Gleich nebenan (!) ein Stand mit viel zu großen Männerhelmen, völlig überteuert. Panik. Gleich der nächste Lösungsweg, einfach bei einem anderen Kampfrichter einchecken und siehe da, es hat geklappt.

Wettkampfmorgen: 3 Uhr aufstehen, Frühstück, auch Norbert musste mit, war er doch aber erst um 16.00 Uhr mit seinem Marathonstart an der Reihe. Der Schwimmstart ist 10 Kilometer außerhalb von Roth, die Straßen sind zugestaut, mehr als 3500 Einzelstarter und 400 Staffeln wollen alle zum Kanal. Wir hatten die weise Entscheidung getroffen, dass ich mit dem Shuttlebus zum Start fahre und Norbert irgendwo günstig das Auto parkt. Der Bus fuhr mit eingeschaltetem Warnblink ganz frech auf der linken Spur an dem Stau vorbei, so kam ich pünktlich um 5.20 Uhr in der Wechselzone an. Große Aufregung, Rad aufpumpen, Rad bestücken, nochmals zwei Kleiderbeutel wegtragen, Neo anziehen und und und. Endlich Start um 6.45 Uhr im Kanal, Wasser warm, keine Wellen, viele Zuschauer am Rand auf dem Hin- und auf dem Rückweg. Zuerst starteten die Profis und die Behindertensportler, danach zwei Frauenblöcke im Abstand von 5 min. An der ersten Wende bei 1,5 km kamen die Männer im Pulk von hinten aufgeschwommen, sie haben mich förmlich untergepflügt. Ich habe Tritte und Hände abbekommen und viel Wasser geschluckt. Der Kanal brodelte, mir war zeitweise schwindlig und ich verließ die Idealschwimmlinie öfter als gewollt. An der letzten Wende habe ich auch Roth Wechselzoneein paar Mal zurückgetreten, das musste jetzt raus. Ausstieg aus dem Wasser, Blick zur Uhr: 1:45 h, 15 Minuten langsamer als Bestzeit, fünf Minuten langsamer als mein heutiger Plan. Egal, irgendwie raus aus dem Neo, schneller Wechsel, ca. 6 Minuten, und  rauf auf das Rad.

Alles funktioniert, Tacho, Schaltung, das war nicht immer so. Auf einmal ruft mir Norbert etwas entgegen. Völlig überrascht von seinen Anfeuerungsrufen hat mich die Freude kilometerlang beschäftigt. Auch beschäftigt haben mich starke Bauchschmerzen, die habe ich immer nach dem Schwimmen gehabt und wusste, die gehen irgendwann weg. Pünktlich zum ersten große Anstieg sind die Bauchschmerzen weg, ein 1 km langer Berg, die Leute puschen die Radfahrer hoch. Auf der Hälfte des Anstiegs Verpflegung. Sind die irre, ich bin blau, kann die Trinkflasche kaum halten, geschweige denn tauschen. Es geht hügelig weiter, für mich zu hügelig. Bei Kilometer 50 bin ich nah dran aufzugeben, die Strecke ist mir einfach zu anstrengend. Ich habe keinen Bock mehr, die ständigen Hügel rauf und runter zu fahren. Mein unbändiger Wille ist gebrochen, das mangelnde Radtraining fordert seinen Tribut. Und überhaupt, wer hat erfunden, nach 3,8 Kilometern Schwimmen und 180 Kilometern Rad fahren noch einen Marathon zu laufen? Stresstest für Mensch und Material, meine Schaltung – es geht entweder bergab oder bergauf – es kommt eine Kurve, überholende gefühlte tausend Männer und Menschen, die am Straßenrand stehen. Ich habe kaum noch Kraft in der linken Hand, den Gang zu wechseln. Wieder an einem kleinen Anstieg Verpflegung, ich muss mal aus den Pedalen raus, nur ganz kurz. Ich halte an und falle in Zeitlupe mit dem Rad um, auf das Knie. Mein erster Gedanke – Knie kaputt, ich darf aufhören. Die Helfer sind sofort zu Stelle, schieben mich auf das Rad zurück, tauschen die ausgelaufene Trinkflasche aus und auf geht’s. Ich fahre einfach weiter. Nach einigen Kilometern erwartet mich der Solarer Berg. Man kommt aus einer Linkskurve und sieht den Berg vor Menschenmassen nicht. Eine Stimmung, das war der Wahnsinn. Eine enge Gasse, mich kann keiner überholen. Die Leute schreien und rufen, trommeln und klatschen, laute Musik. Besonders Frauen werden immer gut motiviert. Mir schießen Tränen in die Augen. Spätestens jetzt stand fest, das muss ich auf der zweiten Runde noch einmal erleben, ich will und ich werde in Roth einlaufen. Auch der Solarer Berg zieht sich ewig hin, der Ausläufer ist schwierig, wieder am Berg Verpflegung. Aber dieses Mal alles gut. 90 Kilometer, eine Runde vorbei, 7 Minuten länger als geplant, aber da kannte ich die Strecke ja noch nicht. Zweite Runde, böiger heftiger Wind kommt auf und immer von vorn oder von der Seite. Rückenwind, keine Chance. Ich fahre jetzt aggressiver, überhole die ersten Männer, aber auch Frauen, das gibt es doch gar nicht, haben die noch weniger trainiert als ich? Das geht doch gar nicht. Ich begrüße jede Frau mit Namen, die ich überholte, damit motiviere ich mich selbst. Jetzt muss ich mich zügeln, damit ich nicht überdrehe, aber da kommen auch schon wieder die beiden Anstiege und ich bin sicher, dass ich das packe. Keine Gedanken mehr ans Aufgeben. Einige Fahrer kann ich überholen, sie haben Defekt oder sind ganz raus, andere sind einfach fertig und machen eine Pause. Mich stören inzwischen die Menschenmassen am Solarer Berg, abhaken. Ich komme nie wieder da vorbei… Radziellinie in Sicht, mein Tacho schlägt mir noch ein freudiges Schnippchen, vier Kilometer früher vorher als erwartet. Ich fahre die langsamste Zeit, die ich je gefahren bin, aber egal, dem Wind habe ich es gezeigt!

Jetzt geht’s in die Laufklamotten, wofür ich wieder um die 6 min brauche. Noch innerhalb des ersten Laufkilometers startet Norbert seinen Marathon, das hatten wir in etwa zuvor so berechnet, so viel langsamer war ich dann doch wieder nicht. Er überholt mich, ein kleines Küsschen und schon düst er ab. Ich muss noch meine Knochen sortieren und trabe langsam, aber ich trabe. Endlich auf der Laufstrecke, endlich zu Hause… Ungefähr alle zwei Kilometer ist Verpflegung. Wir laufen kilometerlang am Kanal entlang, eine Pendelstrecke, staubig, sonnig und langweilig. Sie erinnert mich an den Entsafter vom Ośno-Lauf. Ich habe die Schuhe ohne Dämpfung an, ein Fehler, da nach dem Radfahren die Fußsohlen schon gestresst sind, der Untergrund am Kanal ist mit großen und kleinen Steinen nicht des Läufers Lieblingsuntergrund. Eine Pendelstrecke, ich beneide die, die schon Richtung Ziel unterwegs sind. Aber ich laufe, muss nicht gehen. Musik ist erlaubt, nach 12 km haue ich mir die Toten Hosen aufs Ohr. Das beflügelt. Norbert kommt mir auf der Pendelstrecke entgegen, wir klatschen ab und rufen uns kurz etwas zu. Er ist schon auf dem Weg zum Halbmarathon und sieht gut aus. Ich muss noch was tun, um zum Halbmarathon zu kommen. Die Stimmung an der Strecke ist grandios, ich laufe nicht sehr schnell, aber locker überhole einen nach dem anderen, vor allem die Männer gehen. Ein Phänomen, dass ich nicht nur beim Ironman beobachte, die Frauen laufen, viele Männer gehen, sie haben sich irgendwann zuvor zerschossen. Ohne besondere Vorkommnisse spule ich den Marathon herunter, kann ab Kilometer 30 nichts mehr essen, aber auch das wirft mich nicht aus der Bahn, habe ich beim Ośno-Lauf und beim Thüringen Ultra schon erlebt. Spektakulär die letzten zwei Kilometer in Roth. Man läuft durch Roth über den Marktplatz durch die Menschenmassen, die auf der Bank sitzen und sich selbst und die Sportler feiern. Ein Staffelläufer aus unserem Triathlonverein hüpft am Rand hin und her, als er mich sieht, läuft wie ein Eichhörnchen neben mir und begleitet mich auf den letzten Metern, bevor es auf dem roten Teppich in den Zielgarten geht. Mit einem Klaps schickt er mich auf den roten Teppich. Ich sprinte in den Zielgarten, überhole noch eine Läuferin und sehe mich auf der großen Videowand. Ich denke, jetzt musst du dich freuen, du wirst mal winken, das erwarten die von dir. Es kam irgendwie nicht von innen, ich war viel zu kaputt. Erst nach der Ziellinie als ich Norbert sah, kamen die Tränen. Es ist vollbracht.

Roth UrkundeNun geht die Rödelei weiter, Finishergeschenke und Zielverpflegung, alle vier Beutel und das Rad an verschiedenen Stellen einsammeln, alles Dinge, die nach 226 km und 15 Stunden keinen Spaß machen. Aber Norbert regelt das alles, ich trabe ihm nur noch hinterher, völlig leer. Nachdem das Auto beladen ist, gehen wir in das Einlaufstadion zurück, es ist 23.30 Uhr, der letzte Finisher ist eingelaufen, es folgt ein 15 min langes Feuerwerk mit Musik. Da fließen die Tränen. Auch bei der anschließenden Rede des Orga-Chefs fließen bei ihm die Tränen, eine emotionale Veranstaltung findet ihr Ende gegen Mitternacht.

Norbert hat seine Staffel gut ins Ziel gebracht, auch die zweite Staffel des Berliner TSC konnte finishen, so sind alle drei Einzelläufer und die beiden Staffeln ins Ziel gekommen.

Norbert hat sich am nächsten Morgen gleich wieder für das nächste Jahr angemeldet, stolz kommt er mit der Anmeldung in der Hand aus dem Zelt und es geht müde aber stolz nach Hause.

Ich beginne mich jetzt über die Zeit von 15:02 zu ärgern, mein Ziel war 14:59. Wo habe ich die Minuten liegen gelassen? Vielleicht muss ich doch noch einmal für eine Langdistanz trainieren, um mir zu beweisen, dass ich es besser kann…

Text Andrea Möhr, Fotos: Andrea und Norbert Möhr