Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

E11: “Ach, mir doch egal, wie viele Höhenmeter!!”

Vor Frust fluchen oder vor Freude schreien: LGM-Mitglied Patrick Ross tat beim Etappenlauf E11 beides – und so mancher (gedankliche) Ruf war wohl beides zugleich….

25.5.2019 Porta Westfalica-Hameln:
Gefühlte zwei Minuten vor dem Start zur ersten Etappe schlagen die letzten Starterinnen und Starter auf dem Parkplatz, oberhalb der Pension „Zum Angestellten“, auf, bewaffnet mit schwerem Gepäck und Erdbeeren. Das Feld wandert geschlossen über die Hauptstraße, danach beginnt die Stopp-Uhr zu laufen. Das Feld setzt sich beschwingt in Bewegung: Eine ausgelassene Atmosphäre (Endlich geht`s los!), gemischt mit respektvoller Erwartung.

Munteres “aufgeregt Sein” vor dem Start

Erste Etappe: Von Porta Westfalica nach Hameln: 52 Kilometer – am ersten Tag – schockieren bei diesen Läuferinnen und Läufern niemand….“Sorgen“ bereitet mir eher die Aussicht auf 1460 Höhenmeter, die gleich am ersten Tag zu überwinden sind. Es kommt, wie es kommen muss: Steile Anstiege, die einen ins Gehen zwingen, teilweise ebenso steile Abstiege und vor allem: Immer wieder Wege, die „unmöglich“ von Menschen für Menschen – auch nur zum Wandern – gemacht worden sein können; geschweige denn zum Laufen!

Gegen Ende der ersten Etappe hat man sich an das langsame Bergauf und das geringfügig flottere Bergab einigermaßen gewöhnt. Eine Mischung aus Demut (Wer weiß, was da noch kommt) und dankbarer Zuversicht (dankbar, dass ich laufen kann, und zuversichtlich: Dass man tatsächlich eine Chance hat, im Ziel anzukommen…) breitet sich langsam von den Fußsohlen bis zur Schädeldecke aus…
„Die erste Etappe war so zum Einrollen“, erklärt Harald.

Steffen Sens, Steffen Bruntsch und Patrick Ross beim “Auslauf-Stadtbummel” durch Hameln

26.5.2019 Hameln – Alfeld
Nach der Übernachtung in der chic-restaurierten „Altstadt-Wiege“ und dem üppigen,
vorabendlichen Essen im gegenüberliegenden Restaurant „Ambrosia“ laufen wir zügig aus der Altstadt, die die meisten von uns noch tags zuvor unsicher gemacht hatten; Rathaus mit Glockenspiel und Rattenfänger-Statue wollten die Meisten schon gesehen haben.

Nach durchaus laufbaren 16 Kilometern der erste VP. Wir werden vorsichtig gebrieft: Das (und damit war der Aufstieg zum Ith-Kamm gemeint) kannst/brauchst Du nicht zu rennen. Während des langen Anstieges frage ich mich häufiger: Bin ich in einer Extrem-Wander-Kletter-Volkssport-Gruppe verreist?

Oben stelle ich mir die nächste Frage: Wie soll man hier laufen können? Und: Was soll hier ein Weg sein? Gnadenlos zeigt mein GPS-Gerät (und die Geräte einiger Anderer) einen bestenfalls zu erahnenden Trampelpfad über Felsen, Wurzeln und umgestürzte Bäume an. Hin und wieder zeigt ein kleines Schild, an einem Baum, tatsächlich den Fernwanderweg an, meistens gerade dort, wo so viel Unterholz im Weg ist, dass man gerade sicher war, von der Route abgekommen zu seien. Nach einer Weile kommt ein leichter „Lauf-Fluss“ zustande: Man stolpere ein paar Meter talwärts, um den Schwung für zwei, drei Hopser bergaufwärts über Felsen zu nutzen, bevor man wieder abbremst und hinunter späht um einen weiteren Bogen knapp unterhalb des Kammes zu laufen.

Steine, Wurzeln und ein Hauch von Weg…

Ich freue mich, dass ich mich mit D. abwechseln kann, wer vorne läuft. Klar: Schauen und laufen musst Du selbst… Wir sparen gut Kraft und Zeit, zumindest fühlt es sich – für mich – so an. Und irgendwann sind wir auf einem schier endlos erscheinenden Trail, dann einem Waldweg und anschließend lange Down-Hills unterwegs, die einen nicht nur die Strapazen des Aufstiegs vergessen lassen, sondern uns vor Vergnügen quietschen lassen, wie kleine Kinder: (H)Uiii!

Das Endorphin ist angekommen! Abends, beim Grillen auf der Terrasse des Hotels am Schlehberg, haben wir einen weiten Blick über das Tal und auf die Papier-Fabrik, aber auch auf die Schafe direkt vorm Haus! 60 Kilometer Strecke und 1.500 Höhenmeter haben wir an diesem Tag hinter uns gebracht.

Unser “Grillmeister” ist auch ein Sterne-Koch.

27.5.2019 Alfeld – Bad-Harzburg
Am 27.5. ging es von Alfeld nach Bad-Harzburg: 72 Kilometer und 1800 Höhenmeter. Die längste Etappe des 2019er Etappenlaufs der LGM. Komischerweise erinnere ich mich nicht daran, dass die Strecke besonders lang gewesen ist, an diesem Tag… Ich erinnere mich an den ersten VP. Das Feld ist dicht beieinander und man möchte eigentlich länger verweilen, doch der Wind pfeift…Ich erinnere mich, bergauf, durch ein geschniegeltes Goslar gewandert zu seien und irgendwann „am Berg“ in
Rodungsarbeiten hineingelaufen zu seien…Martina (die Mitveranstalterin) ruft an…

Nach den Rodungsarbeiten können wir nun auch den Blick auf den Stausee genießen.

Wir haben uns inzwischen als Wandergruppe zusammengefunden und navigieren uns an den Holzfällern vorbei, bergab, über den Stausee. Bad Harzburg (das Tages-Ziel) besticht mit Häusern im Bäder-Klassizismus,- Kolonial-Stil…fast wie im
Western, aber mit Riesengebirgs-Schnitzereien. Wir kommen im Hotel Richthofen unter, einem wunderschönen Gebäude mit hohen Decken, Jugendstil-Stuck und integrierten DDR-Bausünden (der Nass-Zelle).

28.5.2019 Bad-Harzburg – Gernrode
Am 28.5. erinnerte mich der Start zunächst an die zweite Etappe: Kurz raus aus dem Ort und schon klatsche ich wieder waagerecht gegen einen Berg! Heute stehen 67 Kilometer an und… ach ist mir doch egal, wie viele Höhenmeter! Ilsenburg (kannte ich noch aus Zeiten vorm Mauerfall, als grauen Industriestandort) hat sich super gemausert. Über Wernigerode brauchen wir nicht viele Worte verlieren: Die bunte Stadt im Harz ist schön wie eh und je…Wir laufen ein paar Meter auf der
Stadtmauer!

Soll das etwa unser Weg sein??!!

Eine ganze Weile später bringt ein langer, wurzeliger Trail gute Laune und eine angenehme Reisegeschwindigkeit: Rechts ein Fangnetz suggeriert, man könne ruhig etwas schneller laufen! Bis zur Rosstrappe (bergauf). In Serpentinen hinab ins Bodetal. Wie klasse! Schnell und laufbar!! Aber dann wieder den Hexenstieg rauf?? Das Ding heißt bestimmt so, weil das so ein Hexentest war…Wenn die Frau da oben ankommt, ohne gebrochenen Fuß, dann muss sie eine Hexe sein, ganz klar! Der Hexenstieg hatte es jedenfalls noch mal in sich! Viele Höhenmeter über Felsen. Oben, gerade angekommen beim VP, begann es zu regnen. Klar will man da nur noch schnell zum Etappen- Ende kommen… Schnell, schnell hat dann dafür gesorgt, dass ich trotz regelmäßigen Blick auf`s Mäuse-Kino (GPS) zwei Mal über die richtige Weges-Gabelung hinausgelaufen bin. Da freut man sich über die Nachfolgenden, denen man von da an selbst wieder nachfolgen kann. Da und in dem
verlaubten Flussbett, wo jedes unserer GPS-Geräte unabhängig voneinander anzeigte: Das ist der richtige Weg! Der Regen hat genervt.

29.5.2019 Gernrode – Eisleben
Am 29.5 ging es von Gernrode nach Eisleben. 57 Kilometer mit 1.160 Höhenmetern. Die Anstiege waren wieder hart. Die Wege variierten vom wunderschönen Dschungelpfad, über den verwilderten Wanderweg bis zum – vom Harvester zur Panzer-Straße umgepflügten Kriegs-Schauplatz. Gleich am Anfang (bei Kilometer 11) ging es den Lumpenstieg hinab, nur um sofort wieder steil aufwärts zu gehen. Beides furchtbar. Ganz klar: Ich fordere mein Geld zurück…Dieser Etappenlauf war als Lauf-Veranstaltung getarnt und ist in Wirklichkeit ein Volks-Wander-Kletter-Extremisten-Treffen…Wer es bis zum fünften Tag nicht geschnallt hat…muss bis zum Ende laufen. Das Etappenziel – das Hotel Graf von Mansfeld – in Eisleben entschädigt für alle – als Unannehmlichkeiten empfundenen – Weg-Stücke. Riesige Zimmer und ein Bad, in dem man noch Platz für ein, zwei Büros hätte. Am Abend schnuppern alle nach Luxus-Duschgel.

30.5.2019 Eisleben – Halle
Am letzten Tag dann: Himmelfahrt (betrunkene Hindernisse prognostiziert).

Motivierende und gut gelaunte Hindernisse…

46 Kilometer und 430 Höhenmeter…Quasi ein Spaziergang…Nein! Auch nicht, am letzten Tag. Die 430 Höhenmeter zwacken genauso in den Waden und Oberschenkeln, wie jeder vorangegangene Anstieg…Aber: Wir bekommen tatsächlich noch einmal das Gefühl, echte Läuferinnen und Läufer zu sein, keine Wanderer! Einige Passagen gehen durch Biergärten, eine lange Passage laufen wir an der Saale entlang. Volksfest-Atmosphäre am Fluss…nur der letzte Abschnitt geht über gepflasterte Wege und Tram-Schienen. Das Ziel ist unweit des Hauptbahnhofs. Nach 6 Tagen und 8.000 Höhenmetern tapse ich über die Ziel-Linie. Die Zeit? Mir doch egal! Ich bin noch nie sechs Tage hintereinander so lange Strecken gelaufen und schon gar nicht mit so vielen Höhenmetern. So gesehen: Das Härteste, was ich mir bisher zugemutet habe.

Erschöpft, aber über-glücklich hat Patrick das Ziel “Halle an der Saale” erreicht.

Dankbar für die tolle Routen-Auswahl, die Auswahl der Unterkünfte, die tollen VPs (und die Leute, die diese betreut haben), die Briefings und Briefings-Unterlagen. Den Organisatorinnen und Organisatoren meinen herzlichsten Dank! Ich kann gar nicht genug hervorheben, wie sehr ich Eure Arbeit und Mühe, bei der Organisation dieses Etappenlaufes wertschätze: Danke für die brutalen Anstiege, atemberaubenden Trails und schier endlosen, grandiosen Down-Hill-Passagen! Danke an: Nina, Harald, Martina, Ninas Eltern, Andreas, Sonja und Detlef, Antje (Gunnar`s Freundin) und….natürlich allen vom LäuferInnen-Rudel!

Text: Patrick Ross
Fotos:
Steffen Sens, Frank Rehmet u.a.

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