Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

5 Jahre Vorfreude: Eckhardt und “sein” Trans Scania

Die Idee keimte schon 2012. Fünf Jahre dauerte es dann, bis er es erstmalig an die Startlinie schaffte, 2019 hat er das Erlebnis wiederholt: LGM-Läufer Eckhardt Seher über den Transcania in Schweden:

Erst einmal siegt der gesunde Menschenverstand
“Stefan Samuelsson organisierte im Jahr 2010 den ersten Trans Scania.
Inspiriert vom Barkleys und Badwater Ultra, hatte Stefan eine Reihe von 50- und 100-Meilen- Läufen in Schweden kreiert, aber Trans Scania war sein Kronjuwel.
20 Startplätze. Keine Versorgung auf der Strecke. Dein Drop Bag wir bei km 68 im Wald „abgeworfen“.

Wie um alles in der Welt kommt man also auf die Idee, an solch einem Lauf teilzunehmen?
Ein Bericht von Frank Nicklisch aus dem Jahr 2011, als er im zweiten Anlauf den Trans Scania finishen konnte, infiziert mich. 2012 habe ich die wahnwitzige Idee, mich um eine Teilnahme zu bewerben. Da ich noch keinen 100Meiler (oder 24h-Lauf) in der Tasche habe, absolviere ich Anfang Juli 2012 beim Thüringen Ultra die 100Meilen-Jubiläumsstrecke von 2011 im Alleingang.
Ich komme zwar ins Ziel, aber mein gesunder Menschenverstand signalisierte mir: „Warte mal lieber noch ein Jahr“. Aus einem werden dann 5 Jahre, da Ronald Musil mich 2013 ins Orga-Team der 100MeilenBerlin holt. Diese finden leider immer am selben Wochenende statt wie Trans Scania.

Übersichtskarte des Trans Scania Ultra.

2017 schaue ich durch Zufall Mitte Juli in die Meldeliste von Trans Scania, und da ist wie durch ein Wunder verletzungsbedingt gerade ein Startplatz frei geworden.
Da halte ich es nicht länger aus, angele mir den Startplatz und überrede Olaf Ilk, mir am Mauerweglauf-Wochenende doch bitte freizugeben. Die Vorbereitung für solch ein Unternehmen ist perfekt:  JUNUT 239 gefinisht, den 216km langen Hexenstieg gewonnen, beim Rennsteiglauf AK-Sieg in der M55, den STUNT100 mit Streckenrekord gewonnen. Eine Woche später auch noch AK-Platz beim Thüringen Ultra – was soll da noch passieren.

Dann stehe ich am 11. August 2017 gemeinsam mit 19 Verrückten auf der „Långa bryggan“ in Bjarred am Skagerak. Der Trans Scania holt mich aber im Verlauf des Rennens auf den harten Boden der Realität zurück. Ich kann diesen Lauf nur deshalb so erfolgreich beenden, weil ich gemeinsam Jonas Schimmele die halbe Strecke durch alle Höhen und Tiefen gegangen bin. Seine Frau Lilian, versorgt mich ohne zu klagen auch noch mit. Jonas und ich erreichen das Ziel in Lund nach 37:38h und belegen den 3. Rang.  In Demut und mit großer Ehrfurcht kehre ich nach Hause zurück.

Auf zum Jubiläum!
2019 wird Trans Scania 10 Jahre alt. Da kann ich einfach nicht widerstehen.
Die Anmeldung ist ab Ende Oktober 2018 möglich. Aber in 10 Minuten sind alle 20 Startplätze weg und ich lande auf der Warteliste an Position 2.
Entgegen aller Voraussagen der Veranstalter Magnus und Martin tut sich ein halbes Jahr gar nichts.
Mitte Juli gebe ich die Hoffnung auf. Dann kommt doch noch die E-Mail, ich sei auf Platz 1 der Warteliste gerutscht. Aber zwei Absagen hintereinander? Das ist mehr als unwahrscheinlich.
Ich habe wenig Hoffnung und schlafe schlecht. Am folgenden Morgen dann die erlösende E-Mail:

“HOWEVER 🙂
I just got the message from the first person in queue who couldn’t make it now,
so you now have a place in the race.
If you want it, it is yours.
People who have finished does not pay any starting fee (old rule).
But we need to charge 200 SEK for tracker+finisher shirt.
— magnus”

Weniger als drei Wochen bleiben mir noch bis zum Start. Der Mauerweglauf ist dieses Jahr zum Glück ein Wochenende später als üblich, aber in der heißen Phase mal eben 4 Tage nach Schweden?

Die Voraussetzungen für ein solches Unternehmen sind nach fast einem Jahr verletzungsbedingter Laufpause in diesem Jahr erschreckend mager: DNF beim JUNUT (bei km 170), kein Hexenstieg, Rennsteiglauf sehr verhalten angegangen, da eine Woche später der 6-Tage -Etappenlauf auf dem E11 ansteht. Diese Laufwoche katapultiert mich allerdings aus meinem mentalen Tief in schwindelnde Höhen. Nach der endlosen Warterei der zurückliegenden Monate muss all die aufgestaute Energie endlich raus.  Die Quittung danach ist leider ernüchternd: die alten Verletzungen melden sich noch einmal zurück und bei meiner Therapeutin jagt ein Termin den nächsten.

Start auf der „Långa bryggan“ in Bjarred .

Es wird zwar wieder besser, aber einen notwendigen größeren Vorbereitungslauflauf wie den STUNT100 oder den Thüringen Ultra kann ich zu diesem Zeitpunkt völlig vergessen.
Ich laufe meine Trainingsstrecke zur Arbeit und zurück, so oft es geht.

Und dann passiert es:
14 Tage vorm Start, auf dem Heimweg von Arbeit werde ich von einem Hund angefallen. Er versucht, mich von hinten in den rechten Oberschenkel zu beißen, rutscht aber zum Glück ab, da ich bei der Hitze so sehr geschwitzt habe. Da es ein Wegeunfall ist, muss ich zum Durchgangsarzt. Riesige Angst vor einer Infektion. Zum Glück ist der Hund geimpft. Zwei Schürfwunden von den Zähnen und ein großes Hämatom sind die Andenken. Beim Laufen stört es nicht, schon eher beim Sitzen.

Hundemäßig vorbelastet
10 Tage vorm Start, wieder auf dem Heimweg. Es ist Montag, 19Uhr und es sind noch 30°, höre ich in der Kölnischen Heide hinter mir ein Hundegeräusch. Schwer vorbelastet (s.o.) schaue in vollem Lauftempo nach hinten, stolpere über eine Wurzel und krache mit dem rechten Knie auf trockene Kiefernzapfen. Ich bleibe gefühlte 5 Minuten am Boden, rappele mich dann auf. Als ich das Bein durchstrecken will, durchfährt mich ein stechender Schmerz. Eine Schürfwunde seitlich an der Kniescheibe blutet zum Glück nur leicht. Ich bin so wütend auf mich, dass ich versuche weiterzulaufen und merke, dass es geht. Ich darf mein Bein nur nicht durchstrecken.
Die 14km nach Hause überstehe ich ganz gut, aber dann wird das Knie sehr schnell dick und sehr warm. Ich liege, kühle mit Retterspitz und nehme gegen 22 Uhr freiwillig Schmerzmedikamente, da ich es einfach nicht mehr aushalte. Am Morgen komme ich zwar schon ohne Krücken ins Bad, aber mein Knie sieht furchterregend aus und fühlt sich auch so an.  Mit dem Rad schaffe ich die 4km zum Durchgangsarzt.

Die Röntgenaufnahme zeigt keinen Schaden, aber Herr Dr. Orthopäde diagnostiziert mir erst einmal eine fortgeschrittene Arthrose (mal eben so). Mit einer Krankschreibung für zwei Wochen, einer Knieorthese fürs kommende viertel Jahr unterm Arm sowie einem MRT-Termin am Donnerstag verlasse ich wie im Trance das MVZ. Das ist doch alles nur ein böser Traum, sagt mein Inneres.

“Das Klappern ist in Ihrem Alter normal”
Zu Hause telefoniere ich mit meiner Therapeutin und bekomme sofort einen Termin.
35 Stunden nach meinem Sturz liege ich bei ihr auf der Bank und werde bearbeitet, dass mir hören und sehen vergeht. Die Muskulatur ober- und unterhalb des Knies ist danach blau und später grün. Sie meint, es sei mein Glück gewesen, dass ich sofort weitergelaufen bin und dass meine Muskulatur so zuverlässig dicht gemacht hat um das Knie zu schützen.

Ihre vorsichtige Diagnose: Schleimbeutelverletzung, und eine Prellung. Dass die „vordere Schublade etwas klappert“ sei in meinem Alter normal. Nicht einmal 70 Stunden nach meinem Sturz liege ich dann in der Röhre und verlasse die MRT-Praxis mit der DVD in der Tasche. Der Befund wird eine Woche dauern, aber den brauche ich jetzt nicht. Einen Termin in der sportmedizinischen Ambulanz der Charité habe ich schon. Mein behandelnder Arzt dort hat noch die Vergleichsbilder des MRT meines Knies von 2018 auf seinem PC.

Meine Krankschreibung habe ich einfach weggeworfen  und mich am Mittwoch wieder per Fatbike zur Arbeit aufgemacht. Die Fähigkeiten meiner Heilpraktikerin sorgen dafür, dass mein Knie nach wenigen Tagen wieder normal aussieht und auch wieder so funktioniert.
Ich habe den festen Willen, am 9. August in Schweden zu starten.

Mit Jonas am km 85 in der Nähe von Eriksdal.


Gequält von der Therapeutin – für den guten Zweck
Dienstag, 6. August:  noch 3 Tage bis zum Start des Trans Scania.
Ich sitze im Haus 11 der Charité und bange der Diagnose von Dr. Kieb entgegen. Er zögert etwas, da ich ohne Überweisung und ohne Befund komme. Als ich ihm aber erzähle, was mir passiert ist und was ich am Freitag  vorhabe, hat seine Fragerei ein schnelles Ende. Im MRT ist nichts zu sehen, meint er. Dann testet er ausgiebig mein Knie. Ergebnis: alles funktioniert. Eine Prellung des Schienbein Knochens verursachte die höllischen Schmerzen „und die vordere Schublade klappert etwas“ ;-)).

Er prophezeit mir, ich würde ich vor Schmerz freiwillig aufhören, wenn sich die Prellung bei Überlastung wieder meldet. Mit guten Wünschen für den Trans Scania entlässt er mich.
Zwei Stunden später lasse ich mich bei Jenny, meiner Therapeutin, noch einmal richtig quälen.
Mehr kann ich nicht tun.

Donnerstag 8. August, 5 Uhr: Ich sitze im Zug Richtung Schweden und kann das alles noch nicht richtig fassen. Als dann die letzte Hürde: der Schienenersatzverkehr zwischen Rödby und Kopenhagen genommen ist, kehrt endlich die so wichtige innere Ruhe ein.
Um 15 Uhr erreiche ich Lund, checke im Hotel Lundia (dem späteren Ziel) ein und gehe noch eine Pizza essen, bevor 18Uhr das obligatorische „pre race dinner“ im indischen Restaurant Ihsiri startet.

Ich esse hier lieber nichts. Das Risiko einer Magenverstimmung ist zu groß. Lieber nutze ich die Gelegenheit, um mit alten Bekannten von 2017  zu quatschen. Auch Martin Scharp, der Streckenrekordhalter ist gekommen, obwohl er diesmal nicht mit am Start sein kann.
Ich bin der einzige ausländische Starter und Magnus macht das Briefing extra wegen mir in Englisch.

Freitag 4 Uhr: Ich kann in aller Ruhe frühstücken. Drop Bag und Laufrucksack sind fertig gepackt. Um 7 Uhr fahren wir mit Taxis die 20km nach Bjärred zur „Långa bryggan“  Die Tracker von Legend Trails werden verteilt und wir schlendern gemütlich die etwa 500m langen Brücke hinaus aufs Meer.

Gefühlt 50 dieser Hindernisse haben wir unterwegs zu übersteigen.

Dort draußen auf einer großen Badeplattform wird das traditionelle Gruppenfoto geschossen und  pünktlich 8 Uhr beginnt unsere Abenteuer. Dieses wird für einige wenige in unter 36 Stunden beendet sein. Aber die letzten werden erst nach über 56 Stunden das Ziel in Lund erreichen.

Mental besser gewappnet als 2017
Die intensiven Gewitter vom Vortag sind abgezogen. Strahlender Sonnenschein begleitet das Läuferfeld und ein frischer Wind schiebt uns ostwärts. Irgendwo dort, nach fast 130km werden wir in Haväng das Ostufer von Skåne erreichen, das Wasser der Ostsee berühren und dann den gleichen Weg  ca. 110km zurück bis nach Lund laufen. Das ist übrigens eine der großen Herausforderungen dieses Laufes. Schon auf dem Hinweg wirst Du ständig mit der Tatsache konfrontiert:  „Hier muss ich dann auch wieder zurücklaufen“.

Im Jahr 2017 hat mir das sehr schwer zugesetzt, aber in diesem Jahr bin ich mental viel besser gewappnet. Ich laufe gemeinsam mit Jonas. Wir haben uns für die erste Hälfte ein gemäßigtes Tempo verordnet. Vor uns sind zwei Läufer, die sehr ambitioniert gestartet sind und es scheinbar wissen wollen. In Sövde, am Drop Bag – Punkt (km 68) läuft dann der 41jährige Pål Andersson vorbei. Er hat eine komplette Betreuer-Crew um sich geschart und läuft mit Pacern, die sich abwechseln. Den Drop Bag benötigt  er nicht. Was ist da noch übrig vom ursprünglichen Charakter dieses Laufes?

Wir lassen uns davon nicht beirren und laufen unser Tempo. Ich kann viele Fotos schießen und wir essen Brombeeren, die es mehr als reichlich an der Strecke gibt. Einige werden das nicht verstehen. Nach etwa 85km kommen wir erstmals in den Genuss unseres Supportes. Lilian, Jonas’ Frau, steht an der Strecke und verwöhnt uns von nun an mit allem, wovon Läufer unterwegs so träumen. 

Unsere weltbeste Supporterin – Lilian Schimmele.

Bei einer solchen Rundumversorgung  beschließe ich, schon auf dem Hinweg meinen Plan umzusetzen und die Orte Lövestad und Brösarp auf dem originalen Skåneleden zu umlaufen.  Auf schmalen, welligen Single Trails geht es durch herrliche Buchenwälder um Lövestad.
Ein wahrer Genuss hier laufen zu dürfen. Dort wo die Strecken wieder zusammenlaufen muss ich dann fast 10Minuten auf Jonas warten, da er in Lövestad Schuhe und Kleidung gewechselt hat. Schon weit vor Brösarp, etwa bei km 110 geht es Jonas zunehmend schlechter. Er bittet mich allein weiter zu laufen und möchte, betreut von Lilian, eine längere Pause machen.

Abstecher ins Unbekannte
Ich starte zu meinem zweiten Abstecher ins Unbekannte. Gewarnt wurde ich von Magnus, dass die Strecke um Brösarp sehr schwer zu laufen sei. Aber was mich hier dann wirklich erwartet, hätte ich mir nicht träumen lassen. Eine Landschaft aus grasbewachsenen Sanddünen auf denen dutzende frei laufender Pferde an den steilen Hängen ganze Arbeit geleistet haben. Es gibt praktisch keinen Pfad, der von den Pferdehufen nicht  zu einer Sandpiste zertrampelt war. Ich wühle mich fluchend durch den tiefen Sand der steilen Hängen von Hügel zu Hügel und bereue schon fast ein wenig meine Entscheidung. 

Aber der Blick vom allerhöchsten der Hügel über die nächtliche Landschaft und auf die Lichter von Brösarp entschädigt für die Mühen.

Als ich wieder auf die „normale“ Strecke zurückkehre, erwarten mich Lilian und Jonas im Auto.
Jonas hat schweren Herzens das Rennen abgebrochen. Für mich ist das ein harter Schlag, da ich nun die noch folgenden 125km allein und ohne Support unterwegs sein würde.
Kurz vor 2 Uhr erreiche ich in Haväng  den Wendepunkt an der Ostküste Skånes.
Pål kommt mir 2,5km davor mit seinem Pacer entgegen. Ich habe also 5km Rückstand.

Auf dem Rückweg dann ein Missgeschick: vor Brösarp bin ich nicht voll bei der Sache und laufe in die Umgehung, die ich auf dem Hinweg genommen habe. Nach etwa 1km bemerke ich meinen Fehler und könnte mich Ohrfeigen. Alles wieder zurück! Nun habe ich 7km Rückstand auf Pål.

Soviel Zeit sollte sein – riesige Brombeerhecken entlang unseres Weges.

In Brösarp muss ich den Friedhof suchen, um Wasser zu fassen und verliere weitere Minuten.
Der angekündigte Regen kommt früher und stärker als erwartet. Es ist 3 Uhr Nachts und die schwersten Streckenabschnitte liegen noch vor mir.

Die Hokas wie Slicks auf nasser Fahrbahn
Meine Hoka Stinson Evo sind da nicht sehr gut geeignet. Das ist wie Slicks auf nasser Fahrbahn. Nur dank meiner Trail Erfahrung komme ich da sturzfrei und sehr zügig durch. Die langen Straßenabschnitte durch Lövestad bei strömendem Regen sind ätzend und zehren am Nervenkostüm. Der Rucksack ist schwer und der Drop Bag noch weit, weit entfernt.
Kniehohes Gras beschert mir so nasse Füße, das es mir vorkommt als laufe ich im Bach, statt auf dem Trail.  Nun heißt es beißen, damit der Abstand zu Pål wieder etwas geringer wird.
Ich pausiere in der Regel 5 – 8 Minuten. Meine längste Pause in diesem Rennen war gemeinsam mit Jonas und betrug knapp 15 Minuten.

Es wird Morgen und der Regen nimmt ab. Ich wechsele vorsorglich von den Zehensocken zu Sealskinz. Jonas ruft mich gegen 8Uhr an um zu hören wie es mir geht und natürlich, um mich anzuspornen. Ich muss wohl ziemlich mutlos geklungen haben.
Jedenfalls steht er plötzlich, ca. 15km vor dem Drop Bag – Punkt an der Strecke. 

Den Kofferraum voll mit der kompletten Versorgerausrüstung, um mich nun bis ins Ziel zu supporten. Was dies für einen Energieschub in mir auslöst, könnt ihr Euch sicher vorstellen. Plötzlich fühlte sich der Rückweg nur noch halb so schwer an.

Trotz allem: Meistens war die Stimmung gut.

Die Pausen bei den Treffs mit Jonas werden noch kürzer und auf den Abschnitten dazwischen laufe ich alles was weniger als 10% Steigung hat durch. Gehen gibt’s nicht. Als dann am Mittag die Sonne rauskommt und die Landschaft in eine dampfende Waschküche verwandelt, in der die Luft zum Schneiden ist, wird es noch einmal richtig hart. Der Körper funktioniert wie ein Uhrwerk, man darf es nur nicht anhalten.

Die letzten Pausen verbringe ich deshalb durchweg im Stehen.
Es sind meist 10 bis 15km Abstand zwischen den Punkten, an denen Jonas mich erwartet.
Als ich die luftigen Buchenwälder bei Blentarp erreiche, kann ich endlich aufatmen.

Ein heftiger Gewitterguß hinter Skryllegården hätte glatt die Dusche ersetzen können, aber es liegen noch 12km vor mir. Etwa 3km vorm Ziel muß ich mühsam das Telefon hervorkramen um meine Ankunft durch einen Anruf anzuzeigen, so verlangen es Magnus und Martin.
Dafür extra nochmal anhalten, das geht gar nicht! Also fluchende Verrenkungen bis das Teil endlich aus der Tasche und Tüte heraus ist.

Auf den letzten Metern reicht es dann sogar noch zu einem Endspurt.
35:40h zeigt die Uhr, fast zwei Stunden schneller als 2017 und Platz zwei!

Nach 190 Kilometern, Erklärung ist wohl überflüssig.

Jetzt nur noch duschen und dann ab in die Waagerechte. Nicht mal mehr nach Essen ist mir.
Am Morgen vorsichtig in die Aufrechte Position und testen, ob die Oberschenkel weniger rebellieren, als am Abend zuvor. Nach zweimal Treppe runter zur Rezeption geht es schon fast normal.

Ich habe zum Glück noch einige Stunden Zeit, bis 11:20 Uhr mein Zug nach Kopenhagen geht.
So kann noch etliche Finisher mit in Empfang nehmen, die nun auch noch eine zweite Nacht hinter sich haben. Ich bin heilfroh, dass mir dies erspart blieb und ich kann Jonas sehr gut verstehen, der einen Horror vor 50 Stunden Wandern hatte und deshalb das Handtuch warf.

Etwas Statistik zum guten Ende:
– Ich war 2019 der einzige ausländische Starter.
– Ich bin der einzige Ausländer, der Trans Scania mehr als einmal gefinisht hat.
– Außerdem gehöre ich damit nun zum erlesenen Kreis der 14 Mehrfach-Finisher
  (74 haben es in den 10 Jahren bisher überhaupt ins Ziel geschafft).
– Ich bin ältester männlicher Teilnehmer der Trans Scania je gefinisht hat.
– Meine alterskorrigierte Laufzeit laut duv Ultramarathon Statistik beträgt: 29:44:41 h,
  nur Martin Scharp ist 2018 mit 26:32:36 h schneller gewesen.

Was braucht es da mehr?”

Glücklich im Ziel.

Text & Fotos: Eckhardt Seher

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