“LGM-Anfänger” André Franke wagte den Schritt von “Fast Forward” zum XXL. Was er dabei erlebt und gefühlt hat, schildert er in unserem Blog:
“Fast fühlte es sich an, als ginge es zum „Fast Forward“, als ich an diesem Februarsonntag frühmorgens in die Marktstraße am Ostkreuz kam. Aber wir trafen uns nicht für den Tempodauerlauf, der hier immer dienstags an der Jugendherberge startet und elf Kilometer durch Rummelsburg rast. Es stand der monatliche „XXL-Lauf“ an, und er war mein erster.

Eine Nummer zu groß
Nie war ich vorher einen Marathon gelaufen, niemals weiter als dreißig Kilometer gerannt. Der fünfundvierzig-Kilometer-Lauf war eine Nummer zu groß für mich, das war mir klar. Aber er gab mir auch die Chance, unter Idealbedingungen „Neuland“ zu betreten.

Was würde passieren, wenn ich meinen Fuß auf Kilometer einundreißig setzte? Würde er verglühen wie ein kleiner Himmelskörper beim Eintritt in die Erdatmosphäre? Wann würde mich der vielzitierte „Hammer“ treffen und wo genau in meinem Körper würde er einschlagen? Zertrümmerte er mir das Knie oder fiel er mir auf den Kopf? Mein läuferisches Neuland war ein Reich voller Sagen und Vorurteile. War es nicht möglich, dass das Stück Stahl ein Holzhammer war oder ein Gummispielzeug für handwerkernde Kinder, das nur ein bisschen quietscht, wenn der Schlag zu energisch ausfällt?

Die 45-km-Strecke

Der „Korridor“ nach Wartenberg
Wir liefen um neun Uhr vom Victoria-Center in der Schreiberhauer Straße los, und ich glaube, es regnete bereits leicht. Zweimal um die Ecke gebogen, rannten wir schon durch das gründerzeitliche Stadtbild der Victoriastadt, wo wir in der Pfarrstraße den „Lindenberger Korridor“ aufnahmen, den Wanderweg, der einen von der Rummelsburger Bucht bis ins Dorf Lindenberg nach Brandenburg bringt, wenn man die Kurve vor der Wartenberger Feldmark nicht kriegt.

Bis dahin waren es aber erstmal gute fünfzehn Kilometer, die mit dem Ring-Center, dem Rathaus Lichtenberg und dem Ex-Stasigelände städtisch geprägt begannen, dann überraschend und genüsslich in den Landschaftspark Herzberge übergingen und schließlich im verregneten Grau des riesigen Gewerbegebietes zwischen Hohenschönhausen und Marzahn kein Ende finden wollten. Da trafen wir mittenmang auf den ersten Versorgungspunkt: Tee, Bouletten, Schnittchen, Obst.

Schokolade versüßt “bittere” Streckenabschnitte
Mit einem Stück Schokolade im Mund lief ich weiter. Es versüßte mir die Bitterfelder Straße, die noch ganz Teil der Industriestadt war. Immer noch Regen. Fast zeitgleich löste sich beides auf, die Schokolade und die graue Weite, als wir hinter der Gehrenseestraße in ein Stück Grün entschwanden: die Falkenberger Krugwiesen. Hinten raus, wo sich der Park verjüngt, hat man die Tendenz, geradeaus zu laufen. Und das ist gar keine schlechte Idee. Nach nur wenigen Metern trifft man auf die „Humboldt-Spur“. Sie kreuzt die Dorfstraße von Falkenberg und führt in östliche Richtung weiter zu den Ahrensfelder Bergen und zum „Wuhletalweg“. Auch der „Barnimer Dörferweg“ ist von hier aus innerhalb eines Kilometers erreichbar. Hinterm Tierheim Berlin durchzieht er die Falkenberger Feldmark und verbindet Karow, Blankenfelde, Lübars und Hermsdorf in einem weiten Bogen durch den Berliner Nordwesten, bevor er in Tegel endet.

Das wollten auch wir, in Tegel enden, aber anders. Noch vor Falkenberg bogen wir mit dem „Korridor“ scharf nach links ab, in Richtung Wartenberg. Diese Dörfer! Sie machen den Reiz der Außenbezirke Berlins aus, sind aber schwer zu begreifen, flutschen einem glatt durch die Finger, wenn man nicht aufpasst. Sowohl Falkenberg als auch Wartenberg fehlen die Dorfkirchen, weil die Wehrmacht sie 1945 gesprengt hat. Am Horizont waren die heutigen Ortsteile des Bezirks Lichtenberg für uns also nicht lesbar, und der „Korridor“ führte auch nicht durch die Dorfkerne. Wir tangierten sie auf der Route nur. Ich habe mir vorgenommen, sie genauer unter die Lupe zu nehmen, wenn ich mal wieder zurückkommen sollte.

Nässe passend zur Sumpflandschaft
Falkenberg ist ein typisches Straßendorf, Wartenberg dagegen ein Sackgassendorf, hervorgegangen aus einem Rundling, dessen Gehöfte anfangs um einen kreisförmigen Dorfplatz lagen und der später einseitig verlängert wurde. So beschreibt es der „Kulturatlas Berlin“, der in einer Karte, einundsiebzig Dorfkerne versammelt, die vor hundert Jahren allesamt in „Groß-Berlin“ aufgingen. Mit dieser Info verstand ich im Nachhinein auch Wartenbergs Lage am Luch besser. Das Dorf war gewissermaßen abgeschnitten. Das wunderbare, wetterfeste Wartenberger Luch…

Wo, wenn nicht hier in diese Sumpflandschaft, gehörte die Nässe des 23. Februar 2020 hin? Es war Sprühregen, der uns begleitete. Er stand permanent in der Luft. Am Boden versammelte er sich zu Pfützen, denen wir mal mehr und mal weniger erfolgreich auswichen und die im Laufe des Vormittags immer großflächiger wurden, zur Bedrohung, uns nasse, kalte Sohlen zu holen. Im Luch war es dagegen ganz normal, dass das Land im Wasser stand. Keinen Quadratzentimeter Trockenheit mochte man hier heute finden. Wer im Luch lebte, der hatte die Schuhe längst ausgezogen – oder noch nicht angezogen – und watete oder schwamm. So ließ ich es bekehrt hinter mir in einer neuen Verfassung. Ich fühlte mich, als wäre ich einem Waldsee entstiegen. Hatte das Luch aus mir einen Lurch gemacht? Es fühlte sich an, als würde sich wiederholen, was vor Jahrmillionen geschah: Das Leben wälzte sich aus dem Wasser, rauf aufs Festland. Heute liefen ein paar Lurche nach Wartenberg.

Läufer oder Lurch? Nach literweise Nass von oben war sich André nicht mehr sicher…

Die „Humboldt-Spur“ nach Tegel
Die Dorfkirche von Blankenburg strahlte am Mittag im Sonnenlicht. Weiß und hell der Turm, darauf das rote, vierseitige Dach. Als ich das Bauwerk sah, wie es sich langsam, aber unaufhaltsam ins Bild der Landstraße schob, erkannte ich es wieder und rannte automatisch schneller. Wann, wenn nicht jetzt, ein bisschen Tempo machen? Angekommen, stand ich vor der Kirche. Eine hüfthohe Mauer aus Feldsteinen umgab sie und den Kirchhof. Aus einer Fuge spross der vierzehnblättrige (!) Kranz eines Löwenzahns hervor, dem nur die knallgelbe Blüte fehlte. Ich fasste an die Mauer und dachte: Der Stein ist alt, wie jung bin ich! Ich trug meine Pulsuhr nicht. Ich trug überhaupt keine Uhr. Ich hatte in Blankenburg mit der Kirchturmuhr gerechnet, aber es gab keine. Hier war der Wendepunkt der Strecke, die ich mir vorgenommen hatte. Um zwei Uhr wollte ich zurück an der Danziger Straße sein. Ich musste mich beeilen. Also los, zurück über Heinersdorf.

Aber diese Szene ist ein Ausblick auf das, was der XXL-Lauf bei mir in den folgenden Wochen bewirkte. Sie hatte sich erst Ende März abgespielt, als tatsächlich tagelang die Sonne schien. Ich war nach Blankenburg zurückgekehrt, weil mir die Dorfkirche nicht aus dem Kopf ging. Sie war es, die bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen hatte, ein Stadtbild oder eher ein Landschaftsbild, das dennoch dezent und zurückhaltend rüberkam, sich gewissermaßen in den Blick schlich. Bevor wir sie nämlich sahen, kamen wir auf unserer Strecke an einem anderen Gebäude vorbei, der Wohnstätte „Janusz Korczak“, ein Rehabilitationszentrum von stattlichem Format, denkmalgeschützt und ursprünglich 1908 von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann gebaut. Es wirkte wie ein Schloss und strahlte in Rosé-Tönen durch die blätterlosen Bäume des zugehörigen Parks, den wir passierten. Was für ein Lichtblick an diesem Tag! (Ohne Sonnenlicht, zur Erinnerung.) Als wir dann aber um die Ecke bogen und für einen Augenblick in der Heinersdorfer Straße an der Ampel standen, entpuppte sich das Hoffmann-„Schloss“ als Vorspeise eines benachbarten Hauptgangs: Die Dorfkirche von Blankenburg schickte aus mittlerer Entfernung einen mächtigen Gruß, den ich erst fünf Wochen später erwidern konnte. Trotz der Schlichtheit in Größe und Farbe setzte sich der mittelalterliche Bau gegen die allgegenwärtige Trübe ab und schien seine Kontouren durch die diesige Luft zu drücken.

Sonntag ohne Sonnenschein: Die XXL-Crw unterwegs (der letzte im Bild ist unser Autor André)

Schon wieder Hunger?
Bis zu diesem köstlichen Moment waren es wohl etwa zweiundzwanzig Kilometer gewesen. Seit der Wartenberger Feldmark waren wir Fließgräben gefolgt, die aus verschiedenen Richtungen in den Malchower See führten. Ein Pferd mit Reiter stapfte da gemütlich entlang eines Grabens. Es trabte nicht einmal, im Gegensatz zu uns. Wahrscheinlich deshalb lächelte der Mann im Sattel zu uns herüber. Wie groß oder klein mochte seine Sonntagsrunde sein, dachte ich. Und was hatte das Tier eigentlich so gefrühstückt? Haferkekse lagen bei uns auch manchmal auf dem Tisch, erinnerte ich mich. Hatte ich tatsächlich schon wieder Hunger? Der zweite Versorgungspunkt konnte nicht mehr weit sein. Und so war es auch, am Siedlungsrand von Blankenburg parkte das „100-Meilen-Mobil“. Wieder war das Büfett bereitet. Wieder unter freiem Himmel, trotz des Regens. Bravo. Ei, Gurke, Schmalzstulle, für den Neustart ein Stück Schokolade. Ich näherte mich dem Schmaus in Alt-Blankenburg nicht mit nüchternem Magen. War der Versorgungspunkt Nr. 2 die Rettung? Hätte ich ohne ihn sonst die Feldsteinkirche verschlungen – und wäre auf Halbmarathondistanz ausgestiegen?

Das waren die Idealbedingungen gewesen, von denen ich anfangs schrieb. Immer satt sein, immer genug Wasser im Körper haben, das ist ja nicht selbstverständlich, wenn sich Läufer auf lange Strecken begeben. Ich hatte tatsächlich eine Flasche Wasser mitgenommen, weil ich nicht einschätzen konnte, ob mir die Getränke an den Versorgungspunkten ausreichen würden. Aber schon am ersten Punkt, im Industriegebiet, sah ich, sie taten es, und ich hatte unterwegs nicht einen Schluck aus der Flasche genommen. Ich gab sie ins Auto, ins Büfett-Mobil. Eine kleine Befreiung war das. Danke.

Ich sah meine Flasche am Tegeler See wieder. Dort nahm ich sie, voll wie sie war, aus der Beifahrertür, nachdem ich mich entschlossen hatte, keinen Fuß auf Kilometer vierzig zu setzen. In der U-Bahn trank ich das Wasser aus.

Feldsteinmauer Blankenberg

Der Dauerlauf im Dauerregen
Dass ich es bis hierhin geschafft hatte, überraschte mich. Ich hatte mir vorgestellt, mein Ende würde irgendwo zwischen Wilhelmsruh und Tegel kommen, irgendwo zwischen dem dritten und vierten Versorgungspunkt. Irgendwo entlang des Nordgrabens würde ich abdrehen, dachte ich, in Richtung U- oder S-Bahnhof (mit einem Rekord in der Tasche). Am Nordgraben lief es aber fantastisch. Die Gespräche waren seit einer Weile verstummt, und wir rannten still im Regen. Wir machten einen Dauerlauf im Dauerregen, der solange dauerte wie sonst nichts. Kein Film lief viereinhalb Stunden lang, kein Fußballspiel, keine Brettspiele, keine Konzerte. Solange duscht kein Mensch, isst keiner an einer Mahlzeit, und solange sitzt niemand in der Bahn, auch wenn er Berlin durchquert oder Berlin auf der A10 im Auto umkreist. Solange so aktiv zu sein, das war das Neuland, das ich betreten hatte.

Die Füße verglühten nicht (viel zu nass!), und der Hammer erschlug mich nicht. Ich lief wie geschmiert mit der Gruppe mit. Sie war ein weiteres Ideal: Der XXL-Lauf war kein „Alleine-Projekt“. Von alleine wäre ich nie so weit gerannt. Mit der laufenden Gruppe flog ich über meine Grenze und merkte es nicht. Das war ein Geschenk. Danke.

Was ist schöner, Stille oder Schokolade?
Was war das Schönste? Da bin ich mir bis heute nicht ganz sicher, ob es die Stille in der Bewegung war, die Strecke entlang des Nordgrabens durch Reinickendorf auf dem Weg nach Tegel. Was sie gelegentlich in den Schatten zu stellen vermag, das ist die Erinnerung an ein weiteres Stück Schokolade.

Das gab es am Wilhelmsruher Damm, nahe dem Märkischen Viertel, wo der dritte Versorgungspunkt aufgetischt war. Feigen, Cola, vieles mehr… Diesmal misstraute ich meinem Appetit. Bloß nicht den Bauch vollhauen! Mein Blick schweifte über das Büfett mit den unzähligen Schüsselchen, Tellerchen, Becherchen. Da strahlten mich aus einer kleinen Tasse einige Stücke weiße Schokolade an. Weiße! Ich liebe weiße Schokolade, am allerliebsten weiße Schokoladenweihnachtsmänner. Da griff ich zu, zweimal. Und wieder zerschmolz ein Bissen auf meiner Zunge, während wir ein Stück auf dem Mauerweg dahintrabten.

Text: Andre Franke
Fotos: André Franke und Bart M. Beerkens

Video: Bart M. Beerkens

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen