Da sitze ich nun am Rechner und denke: Ich muss etwas niederschreiben. Dieses Erlebnis muss festgehalten werden. Also, auf geht’s. Wie immer bei so etwas ist der Anfang der schwerste. Wenn es aber erst einmal losgeht mit dem Tippen, klappt das schon. Was will ich überhaupt festhalten? Fangen wir einfach mal ganz von vorne an. Am 07.05.1976 war eine tapfere Frau mit Schmerzen … Ach nee, das war ein anderes Thema. Vielleicht habe ich ja mal die Ehre, meine Memoiren niederzuschreiben. Dann geht es da weiter. Heute soll es um etwas anderes gehen.

Wie lange kann es dauern, bis man einen Marathon unter 4 Stunden läuft? In meinem Fall waren das ganze 10 Jahre. Am 01.05.2016 bin ich meinen ersten Marathon in Salzburg gelaufen. Sowohl Training als auch Testläufe auf Unterdistanzen zeigten eine klare Tendenz: Das Finish wird klappen, und auch die 4 Stunden sollten kein Problem darstellen. Es kam dann allerdings anders als gedacht. Nach 4:01:04 Stunden lief ich ins Ziel auf dem Residenzplatz. Auf der einen Seite glücklich, endlich einen Marathon gelaufen zu sein, auf der anderen ein klein wenig betrübt, dass es nicht ganz geklappt hat mit den 4 Stunden. Auch wenn das für den ersten Marathon natürlich Jammern auf hohem Niveau ist.

Versuch macht klug
Damals war meine Prämisse noch: Ein Marathon pro Jahr ist ausreichend. Also im Folgejahr als Heimspiel den Berlin-Marathon ausgesucht und die 4 Stunden angepeilt. Da lief es gefühlt überhaupt nicht. Einbruch nach dem Halbmarathon, Regen und dann noch leichtes Umknicken. So wurde es dann „nur“ eine 4:24:18 und der nächste Versuch geplant. Da entschied ich mich dann für den Rhein-Ruhr-Marathon. Also erneut mit Trainingsplan auf unter 4 Stunden trainiert. Da spielte mir dann erstmals der Kopf einen Streich und erzählte mir beim Halbmarathon, dass es keinen Sinn macht, an den Pacern dranzubleiben. So wurden es „nur“ 4:11:19. Was immer noch eine super Zeit ist, aber für den Tag eine absolute Niederlage. So kann die eigene Wahrnehmung und Realität sehr weit auseinanderliegen.
Der Anfang vom Ende
Im gleichen Jahr lief ich allerdings das erste Mal beim Berliner Mauerweglauf mit. Damals in einer 4er-Staffel von Torpedo. Das war dann für mich der Anfang vom Ende des „1-Marathon-pro-Jahr“-Rhythmus. Ich fand heraus, dass man auch lang, viel und weit laufen kann – und in diesem Kontext Zeit eine andere Rolle spielt. Ich erlaubte mir also das langsame Laufen. So lief ich viele Jahre langsame Marathons, oft als Trainingseinheiten für Ultras oder um in der neu entdeckten Gemeinschaft dabei zu sein. Das hielt mich natürlich nicht davon ab, immer mal wieder den Versuch zu starten. Vielleicht könnte es ja klappen. Das waren dann aber immer nur spontane Einfälle oder „Gefühlsaktionen“. Da fällt mir spontan ein Marathon in Lübeck ein. Mein Gefühl sagte mir: Das wird heute dein Tag. Hänge dich einfach mal an den 4-Stunden-Pacer. Aber was war da nun wieder los? Warum war keiner vor Ort? Also spontan entschieden: 3:45-Stunden-Pacer geht doch auch. Lauf ich halt ein wenig mit ihm raus und habe dann Puffer. Ab dem Halbmarathon war der Ofen aus, und es wurden schwere letzte 10 Kilometer. Die Zeit, die ich da gelaufen bin, hätte ich bestimmt auch gemütlich und entspannt mit einer gleichmäßigen Pace haben können. Also probiert so etwas niemals aus. Ich habe mich also darauf eingestellt, dass es vorerst nichts wird mit einer Sub-4-Zeit. Ich sagte immer: Wenn, dann muss ich dafür trainieren. Da aber andere Planungen davorstehen, ist dem halt so. Doch es kam dann anders als gedacht.
Unerwartete Wendungen
Momentan befinde ich mich im Training für die 100 Meilen bei der TorTour de Ruhr an Pfingsten. Entsprechend sind auch lange, langsame Läufe angesagt. Im Osterurlaub also den Berliner Halbmarathon, einen kleinen privaten Marathon auf Sylt und als Urlaubsabschluss den Elbdeichmarathon geplant. Diesen bin ich zu Corona-Zeiten schon mal virtuell gelaufen, um den Veranstalter zu unterstützen.

Es ging also los mit dem Halbmarathon. Bei diesem wollte ich unter 1:45 Stunden laufen als Tempoeinheit und habe mir dafür einen der Pacemaker ausgesucht. Mit diesem hat es dann auch problemlos geklappt, in einer Zeit von 1:44:30 das Ziel zu erreichen. Teil 1 der Urlaubswochen war also erledigt. Direkt danach ging es an die Nordsee in den Urlaub und neben ein paar Trainingsläufen den geplanten Marathon auf Sylt in Angriff genommen. Mit vier anderen Läufern und Läuferinnen also am 01. April zum Aprilscherzmarathon in Westerland getroffen und die Insel laufend erkundet. Hätte nicht gedacht, wie unterschiedlich die Natur auf Sylt ist. Kleiner Funfact für alle, die es auch nicht wussten: 50 % der Heidelandschaften von Schleswig-Holstein sind auf Sylt. Dieser Marathon war dann voll im Plan, indem wir ihn als Gruppenlauf in einer langsamen Zeit von 5:30 Stunden liefen. Also den langen, langsamen Lauf perfekt eingebaut.

Urlaubsabschluß und Marathonüberraschung
Am Sonntag, dem 12.04.2026, ging es also früh morgens nach Tangermünde. Angekommen in der Hansestadt an der Elbe sah es gar nicht gut mit dem Wetter aus. Es regnete. Das Regenradar zeigte einem aber an, dass es nicht anhalten wird. Ich finde als Brillenträger nichts schlimmer als Regen beim Laufen. So ging es zur Startnummernausgabe, und schon hatte man alles, was man brauchte. Wir hatten noch etwa 30 Minuten bis zum Start und machten uns fertig. Startband um, Gels platziert und dann noch geschaut, wen man so alles kennt. Dabei Alois Pielok und Jens Hunhold gesichtet und freudig begrüßt und ein paar Worte gewechselt. Kurz vor dem Start erblickte man dann auch noch die liebe Cindy, die an diesem Tag ihren 100. Marathon lief. Gemeinsam machte man das obligatorische LGM-Gruppenfoto, wenn man nicht alleine unterwegs ist.

Danach ging es auch schon in den Startblock, und pünktlich um 10 Uhr erfolgte der Startschuss. Man lief etwa 1 km durch die tolle Stadt mit ihren alten Häusern und der mächtigen Stadtmauer. Danach ging es auf die Landstraße in Richtung der umliegenden Dörfer. Nach etwa 10 Minuten überholten einen schon die schnellen Halbmarathonläufer. Mit diesen läuft man die erste Runde, bevor es für uns Marathonläufer auf eine etwas andere zweite Runde geht. Die Halbmarathonläufer begleiteten einen auch bis zum Ende der ersten Runde. Es ist schon eine Kunst für sich, sich nicht von den Schnellen ziehen zu lassen. Ich pendelte mich dann erstmal – zu schnell für einen langsamen Lauf – bei etwa 6 Minuten Pace ein. Auf die Frage eines anderen Läufers nach meinem Ziel antwortete ich, dass es ein langer, langsamer Lauf werden soll. Ich wünschte ihm viel Erfolg bei seinem Versuch, eine Sub-4 zu laufen. Man blieb bis km 10,5 beisammen. Für mich etwas schnell, für ihn an der Grenze. Kurze Zeit später kam mir meine liebe Frau Mandy auf einem Pendelstück entgegen und meinte, dass es bei ihr nicht so läuft und sie langsamer macht, um dann mit mir gemeinsam zu laufen.

Der Floh ist mal wieder da
Da setzte sich dann so ein kleiner Floh in meinen Kopf. Dieser zwitscherte mir ins Ohr: „Los, Dirk, beeile dich, um sie einzuholen, und dann schau mal, ob sie dich zu einer Sub-4 pacen kann.“ Da war er also mal wieder, dieser Gedanke: Heute könnte dein Tag werden. Weiterhin war ich allerdings skeptisch. Habe es ja schon so einige Male erlebt, wie das ist, wenn der Floh etwas zwitschert. Ich nahm also Tempo auf. Wollte ja auf sie auflaufen, was bei 2–3 km etwas dauert. Selbst mit einer Pace von 5:06 für 3 km. Sie kam und kam aber nicht näher. Dafür kam dann der Deich nach etwa 15 km. Irgendwoher muss ja der Name vom Lauf kommen. Da es auf der Landseite vom Deich entlangging, war es zum Glück nicht windig. Was Wind auf Deichen bedeutet, habe ich ja eine Woche vorher auf Sylt zur Genüge erlebt. Ich schaute dann mal kurz im gemeinsamen Tracking, wo Mandy mittlerweile ist, und sah, dass sie weiterhin 2–3 km vor mir ist. Also nichts mit langsam warten.

So lief ich also mein ganz eigenes Rennen. Beim Halbmarathon war ich mit 1:57 voll im Soll für mein Vorhaben, welches ich nun umsetzen wollte. So ging es auf Runde 2 und erstmal wieder Richtung Deich, um dann abzubiegen und neben Feldern Richtung Landstraße zu laufen. Mittlerweile überholte ich immer wieder andere Läufer und Läuferinnen – ein ganz neues Gefühl. Wieder angekommen in Bölsdorf, ging es über Buch wieder Richtung Deich. Die Pendelstrecke war dann auf Runde 2 zum Glück auch nicht mehr so lang. Danach kam man wieder am Deich an. 7 km vor dem Ziel hieß es für mich: das letzte Gel nehmen und einen Becher halb Cola, halb Wasser. Die Gels habe ich so alle 7 km genommen und an jedem Verpflegungspunkt genau einen Becher Cola/Wasser. Insgesamt gab es 11 Verpflegungspunkte auf der Marathonstrecke. So konnte ich mich gut versorgen. Ich habe es trotz des Wetters einfach konsequent durchgezogen. Irgendwann habe ich dann angefangen zu rechnen und mich an etwa gleich schnellen Läufern auszurichten. Ich sagte mir: Solange ich nicht langsamer als sie werde, kann es heute wirklich klappen. Als ich dann auf die letzten 4 km einbog, die direkt neben der Elbe entlanggingen, wusste ich: Ja, ja, ja – es wird wirklich wahr. Ich hatte noch 30 Minuten und wusste, dass ich nicht auf über 8 Minuten pro Kilometer einbrechen werde.

So lief ich komplett befreit mit einer 6er-Pace Richtung Hafen. Ich konnte es absolut nicht fassen. Auf dem letzten Kilometer vor dem Ziel setzte ich mir dann noch das Ziel, unter 3:55 zu bleiben, und konnte noch ein wenig beschleunigen. Mit Tränen in den Augen kam ich dann tatsächlich mit einer Zeit von 3:54:27 ins Ziel. Meine persönliche Bestzeit habe ich damit um 7 Minuten verbessert. Damit hätte ich ein paar Stunden vorher niemals gerechnet. Schließlich hatte ich ja eigentlich etwas ganz anderes geplant. Aber wie wurde mir von einigen immer wieder gesagt:

DU WIRST DIE SUB 4 LAUFEN, WENN DU NICHT DAMIT RECHNEST.

Genau so ist es dann ja auch gekommen. All die Versuche, die ich vorher hatte, waren immer wieder gescheitert, und jedes Mal hatte ich mich schon vorher und morgens unter Druck gesetzt, dass ich es ja schaffen kann, muss und werde. Das war aber nie der Fall gewesen. An diesem Tag hatte ich es absolut nicht vor. Es hat aber alles gepasst, und so konnte ich ohne Erwartungen die Chance nutzen – und das sogar mit einem negativen Halbmarathonsplit.

Anschließend habe ich dann noch auf Ludwig gewartet. Das ist der Läufer vom Anfang. Er hat es auch geschafft, unter 4 Stunden zu finishen. Im Ziel wurde ich dann von meiner Frau Mandy beglückwünscht. Gleiches habe ich natürlich auch bei ihr gemacht. Eine 3:35 Stunden obwohl es ihr nicht gut ging schon schon faszinierend. Nach und nach trudelten Anja K. und dann auch Alois und Jens im Ziel ein. Und ganz am Ende konnten wir Cindy bejubeln, die nach 5:07 Stunden ihren 100. Marathon finishte. Eigentlich wollte sie einen gemütlichen Lauf mit dem Schlussfahrrad machen. Da hatte aber jemand etwas dagegen, der sich 1 km vor dem Ziel hat einholen lassen. Herzlichen Glückwunsch hierzu.
Als Fazit kann ich sagen: Wer schöne, kleine und liebevolle Marathons liebt, sollte den 18.04.2027 ins Auge fassen und sich für den 17. Tangermünder Elbdeichmarathon anmelden. Und ich kann nun ohne Druck in jegliche Marathons gehen. Mein Ziel, die Sub 4 zu laufen, habe ich ja nun geschafft.

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