Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

60 in 6 Stunden? Matze über die Deutsche Meisterschaft in Münster

Die Deutschen Meisterschaften im Sechs-Stunden-Lauf fanden in diesem Jahr in Münster statt. Die LG Mauerweg war mit einer Abordnung von elf Läufern vor Ort vertreten. LGM-Mitglied Matze Weiser schrieb über seinen ersten sechs Stunden Lauf und ein bewegtes Wochenende – direkt während der Rückfahrt, die ganz anders erfolgte, als sie ursprünglich geplant war.

“Es ist Sonntagnachmittag und wir sind auf dem Rückweg von Münster. Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines Opel Astra. Eigentlich müsste ich in meinem Mitsubishi sitzen, aber der wird wohl Münster nicht mehr verlassen…

Ich kann auf ein bewegtes Wochenende rund um meinen ersten 6h-Lauf in Münster zurückblicken. Gleichzeitig war es auch die Deutsche Meisterschaft (DM) in dieser Disziplin und meine allererste Teilnahme bei einer solchen überhaupt.

Startklar für den Sechs-Stunden-Lauf: Die Abordnung der LGM in Münster. Bild: Matze Weiser

Die Vorbereitung für den Trip neben meinem Training begann schon viel früher. Für alle interessierten Vereinsmitglieder hatte ich die Übernachtung und Anreise organisiert. Unser Hotel war knapp zwei Kilometer vom Austragungsort entfernt und war daher schnell zügig zu erreichen. Die Fahrt nach Westfalen hatte ich mit der Erfahrung nach Rodgau mit sechs Stunden kalkuliert – 6h to Münster. Dank freier Straßen und der frühzeitigen Abfahrt wurde diese Zielzeit deutlich unterschritten.

Nach dem Check in im Hotel Eynck fuhr ich mit Mathias, Sigrid und Helga zur Startunterlagenabholung. Viel los war dort gegen 16:00 noch nicht. Das Shirt von der Veranstaltung, das man vorher bestellen konnte, war mit dem eigenen Namen bedruckt. Der Starterbeutel enthielt für jeden Teilnehmer eine Funktionsmütze – tolle Ideen vom Veranstalter.

Alles ablaufen, um auf alles vorbereitet zu sein

Strecke gut – alles gut. Autor Matze Weiser mit Sonia Isabel Goebel.

Anschließend galt es das Wettkampfgelände zu erkunden, das sich auf einem Kasernengelände befand. Da zwischen Turnhalle für die Taschenablage, Duschen und Massagebereich; dem Parkplatz; dem Zielbereich mit Verpflegungsbereich sowie die Startlinie Distanzen von bis zu einem Kilometer lagen, sind wir diese alle abgelaufen, um Samstag auf alles zeitlich vorbereitet zu sein. Nach einer Stunde waren die Erkenntnisse gesammelt: Eine fast komplett asphaltierte, flache Strecke, die kaum Windschutz aufwies. Das Wegesystem war vorgegeben, sodass für Samstag auch mindestens eine Stunde eingeplant wurde, um die Startvorbereitung ohne Hast zu bewältigen.

Am Samstag waren wir nach einem Frühstücksbuffet im Hotel, das keine Wünsche offenließ, dann dementsprechend 8:30 Uhr vor Ort. Ich stellte das Auto ab und wir suchten die Turnhalle auf, wo ich eigentlich meine Wechselsachen deponieren wollte. Nicht nur weil ich ein WC, ein Urinal sowie vier Duschen für Männer für einen Lauf mit knapp tausend gemeldeten Läufern für zu wenig hielt, habe ich diesen Gedanken verworfen. Erstens konnte ich nicht wissen, wie viele Kilometer nach den sechs Stunden zum Zielbereich für mich zu bewältigen waren. Bei einer 5,085km-Runde konnten das bis zu 2,5km sein. Zweitens umfasste der Hin- und Rückweg zur Halle zusammen 1,5km und dann nochmal 500m zur Siegerehrung. Drittens endete der Wettkampf für alle gleichzeitig und ein sofortiges Duschen war mir nicht garantiert. Das Bonbon der angebotenen Massage konnte mich auch nicht umstimmen. Kurzentschlossen bin ich zurück zum Auto, holte mein Campingstuhl und denn ich hatte mich entschieden, meine Sachen auf diesem im Zielbereich zu lassen.

Aber was behielt ich eigentlich an? Es war ein sonniger Morgen, ohne Wind. Regen war nicht angesagt. Mutig ging ich ohne Handschuhe und Laufjacke, dafür aber mit Mütze, einer langen Laufhose, jeweils einem kurz-/ langärmeligen Laufshirt und natürlich Sonnenbrille gemeinsam mit den anderen zum Start.

Von den ursprünglich 17 angemeldeten Mauerwegläufern konnten aus unterschiedlichen Gründen sechs nicht antreten. Vier Frauen und sieben Männer stellten sich der Herausforderung, innerhalb von sechs Stunden so weit wie möglich zu laufen.

Die Zeit läuft – genau für sechs Stunden. Foto: Matze Weiser.

Ich hatte mir das Ziel gesetzt, 60km zu erreichen. Seit Oktober hatte ich auf den Tag hingearbeitet, fühlte mich bestens vorbereitet und eingestellt. Nach dem Startschuss lief ich los. Immer wieder prüfend, sah ich auf meine Uhr. Die ersten Kilometer lief ich mit einer Pace von 5:21, 5:30 bzw. 5:38min/km viel schneller als die geplanten 5:50min/km und musste mich bremsen. Erst der siebente Kilometer entsprach dieser Vorgabe und es fühlte sich mit ein Puls von um die 82% auch gut an. Ich war im Wettkampf angekommen und hatte dann sehr lange das Gefühl, ewig so weiter laufen zu können. Dabei wurde ich immer mal wieder von nur gering schneller laufenden anderen Athleten überholt. Aber ich lief für mich und ließ mich nicht beeindrucken.

Wertvolle 6h-Lauf-Ernährung: Colagummi, Salzstangen und Obst
Meine Ernährung hatte ich wieder so geplant, wie ich sie sechs Wochen zuvor über 50km in Rodgau während meiner fünf Stunden erfolgreich getestet hatte. Alle 30min ein Colagummi von Powerbar, nach jeder Stunde eine Salztablette sowie am Verpflegungspunkt (VP) ein paar Salzstangen oder Obststücken und etwas Wasser. So verlor ich kaum Zeit an den VPs, von denen es sogar zwei auf dem Rundkurs gab. Der Vorteil an diesem Vorgehen war es, nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Ich konnte in den ersten sechs Runden gut halten, die ich in gut 30min jeweils absolvierte. Mein Tempo lag nach 35km bei 5:54min/km, damit im Soll. Ich hatte damit 1km bzw. 6min Vorsprung auf die imaginäre 6h-Linie meiner 60km, die hinter mir schlich. Der Puls erhöhte sich kaum und war jetzt bei 85%. Es hätte ewig so weiter gehen können. Die rückwärts laufende Uhr zeigte noch 2:33:30 an. Das bedeutete 25km, ich musste in einem Tempo laufen, welches ich sehr oft im Training geübt hatte.

Auch Andreas Urbaniak läuft Runde um Runde. Foto: Matze Weiser

Weiter optimistisch ging ich in die achte Runde und hatte nun die 50km-Marke im Visier, die ich nach zehn Runden erreichen würde. Mein Körper fühlte sich gut, allerdings wurde ich wurde etwas langsamer. Die Runde beendete ich nach 31:24min und büßte dadurch eine Minute ein. Nach knapp vier Stunden hatte ich 40km absolviert, dies mündete in eine für mich hervorragende Marathon-Zeit von 4:12 Stunden. Nur zweimal war ich bisher schneller gewesen. Außerdem hatte ich auch vor, in den letzten Minuten dieses Laufes genau wie in Rodgau, einen Schlussspurt zu setzen und den Puls so noch spürbar zu steigern, denn diesen schonte ich noch. Soweit die Theorie.

Kurz nach dem VP auf der Strecke machten sich allmählich die Oberschenkel bemerkbar, nach mehr als vier Stunden nichts Ungewöhnliches. Jedoch beeinflusste dieses Ereignis merklich meinen bis dahin so schönen, runden Laufrhythmus. Die Pace von 6:17min/km auf der neunten Runde reduzierte auch deutlich meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf 5:58min/km. Noch zwei Sekunden und ich hatte die Geschwindigkeit erreicht, die ich für mein Ziel benötigte. Am Ende Aber ich wollte doch noch etwas zusetzen am Ende… ich beendete die Runde neun nach 32:13min.

Unermüdlich: Sigrid Eichner. Foto: Matze Weiser

Mit Erreichen der 50km nach 5:04:23 wurde es mir klar. dass ich heute nicht 60km erreichen würde. Jedoch hatte ich für diesen Lauf so viel gemacht und wollte an diesem Tag das Bestmögliche für mich herausholen. Dabei half mir auch der Blick auf andere. Immer wieder holte ich andere Läufer ein, die deutlich langsamer liefen als ich oder sogar gingen. Auch mein Blick auf den Bildschirm am Ziel nach jeder Runde bestätigte das. In den ersten zwei Stunden stand dort glaube ich „Rang 25 M35“ hinter meinem Namen – M35 ist meine Altersklasse. Nach meiner zehnten Runde schon Rang 17, und nach der elften (55km) Rang 15. Zu Beginn der letztgenannten hatte ich noch die 59km im Visier, aber mit mittlerweile 6:40min/km und auch einer gewissen Erschöpfung korrigierte ich dieses Ziel. Ich wollte nur noch den VP nach knapp 3km erreichen, um nach der Schlusssirene einen schnellen Zugang zu Getränken zu haben. Ich nahm den Sack mit meiner Startnummer (dieser half meine Restmeter zu vermessen) begab mich auf den Weg.

Einfach nur rennen bis zur Schluss-Sirene
Nach einem Kilometer überholte mich Karl Rohwedder und ich folgte ihm mit den Worten „Karl zieh mich, ich will nicht stehen bleiben.“ Einige Meter liefen wir nebeneinander. Noch 15min und wir hatten beide das gleiche Distanzziel von 58km. Wir wurden von einem etwas schneller laufenden anderen Teilnehmer überholt, an dem ich dran bleiben wollte. Der Wille war da und es gelang mir. Ich passierte die 2km-Streckenmarkierung … noch einer… ich konnte etwas später den VP sehen. Ich nahm dort nochmal Wasser auf und dann mein Ziel im Blick, das die 58km bedeuteten. Diese 3km-Marke passierte ich auch noch.

5:59:00 waren vorbei – die letzten 60 Sekunden wollte ich einfach nur rennen bis zur Schlusssirene. Ein herrliches Gefühl die Geschwindigkeitsanzeige zu beobachten, wie sie bis auf 4:56min/km nochmal hoch kletterte.

Viel Gelb im Feld bei der 6-Stunden-DM. Foto: Manfred Pauly / www.lauftrainer-manfredpauly.de

Dann war es vorbei – die sechs Stunden, die Vorbereitung, die Vorfreude… Die Sirene beendete alles und ich blieb stehen, stoppte die Laufuhr, ließ den Sack auf der Strecke und mich im Gras neben der Strecke fallen. Der 6h-Wettkampf war vorbei! Und nun? Ich lag im Gras mit Tränen in den Augen. Was bedeutete dies? Ja ganz kurz war ich enttäuscht und fragte mich, ob ich es im Tapering übertrieben hatte. Tapering bezeichnet die Reduktion des Trainingsumfangs vor einem großen Wettkampf. Bei umfasste diese Phase die letzten fünf Tage vor der DM. Nein, ich hatte alles getan – heute und in den letzten Monaten. Das waren Tränen, die Erleichterung, Freude und Stolz ausdrückten. Ich hatte es geschafft, sechs Stunden durchzulaufen. 50km in fünf Stunden kann ich und das andere eben (noch) nicht.

Suppe und Siegerehrung für die Sechs-Stunden-Läufer
Die nächste Herausforderung war das Aufstehen, was ganz gut gelang. Mit steifen Schritten ging es Richtung Verpflegungsbereich. Dort rasch in das 6h-Shirt und die Mütze auf und schon sah ich auch wie ein 6h-Läufer aus. Mein Auto lasse ich mir von einer Freundin vom Parkplatz holen und viel näher an das Gebäude stellen, wo die Siegerehrung stattfand.

Gelb sieht Rot? Dann sieht Rot bald nur noch Gelb – von hinten. Matthias De Prest beim Überholvorgang. Foto: Matze Weiser

Dort gab es eine leckere Suppe und ich traf andere Neongelbe sowie weitere Bekannte. Die Siegerehrung war für 17:15 Uhr terminiert und sollte den Auftakt zu meinen entspannten sechs Stunden dieses Tages bilden. Der Beginn der zunächst durchgeführten Ehrung für den DUV-Cup 2016 war schon später. Um 18:15 Uhr wurden wir dann darauf aufmerksam gemacht, dass die Ergebnisse aushingen. Ich konnte nun offiziell meine 58,315km-Leistung sehen. Das war der 15.Platz bei meiner ersten Ultramarathon-DM von 44 Läufern in meiner Altersklasse und Platz 148 insgesamt von mehr als 750 Startern. Außerdem belegte ich im Team mit Mike Friedl und Henning Schmitz Rang 28 von 57 gewerteten Mannschaften. Mann, war ich stolz.

Leider konnten sich nicht alle Läufer über ihr Ergebnis freuen. Der Sprecher hatte vorher erwähnt, dass eventuelle Einsprüche bis 18:30 Uhr geltend gemacht werden konnten. Aus einer Routinekontrolle wurde eine Feststellung, dass entweder einige Läufer in keiner Wertung auftauchten oder fehlende Restmeter der letzten Runden nicht notiert wurden. Nicht nachvollziehbare Entscheidungen wurden verkündet und die Worte des Bedauerns der Sprecher hielten sich in Grenzen. Auf weitere Details werde ich nicht eingehen. Die Siegerehrung begann dann irgendwann und zog sich dann bis 21:00 Uhr.

Das Gelb, das keiner wollte: ADAC statt Italiener
Dann sollte es mit den anderen schnell ins Hotel gehen. Anschließend wollten sich die Vereinskameraden zum gemütlichen Beisammensein beim Italiener treffen. Dazu ging ich mein Auto holen. Einsteigen, Motor an, Gang einlegen, Gas geben, losfahren… Auf einmal gab ein merkwürdiges Geräusch und keine Reaktion mehr auf die Betätigung des Gaspedals. Bis zum STOPP-Schild hatte ich es geschafft. Dann bewegte sich nichts mehr. Ich stieg aus, unterrichtete die anderen geplanten Mitfahrer, die in kurzer Entfernung standen, dass an eine Weiterfahrt mit meinem Auto auf absehbare Zeit nicht zu denken war. Mein Freund Jörn setzte sich solidarisch mit mir ins Auto und wir warteten bei einem geteilten Bier, das ich vorausschauend dabei hatte und ich eigentlich in einer anderen Verfassung genießen wollte, auf den ADAC.

Der Autoclubmitarbeiter erreichte uns sehr zügig, aber seine zügige Prognose traf mich hart: Getriebeschaden in der Automatikschaltung und vermutlich ein wirtschaftlicher Totalschaden. Ein Abschleppen nur zum Hotel kam nicht in Betracht, sondern der Abschleppwagen bugsierte uns ans andere Ende der Stadt. Dort räumte ich mein Auto komplett leer, da es wohl Münster nicht mehr verlassen würde und damit auf der Strecke wohl blieb. Dieses 6h-Intervall wurde deutlich überzeugen. Es endete erst 23:30 Uhr und dauerte 30min länger und verlief so ganz und gar unplanmäßig.

Frau voran: Isi lässt die meisten Männer mal wieder hinter sich. Foto: Manfred Pauly / www.lauftrainer-manfredpauly.de

Immer wieder bietet das Leben sofort neue Möglichkeiten, Freude und schöne Situationen. Das Sonntagsfrühstück gestalteten wir über eine Stunde lang, so dass auch alle Köstlichkeiten des Büffets gekostet werden konnten. Das vorher angepriesene Catering des Veranstalters am Ziel-VP, als auch die Burger waren für mich am Vortag nicht mehr verfügbar, da es entweder schon geschlossen oder abgebaut wurde. Dann eben dieses tolle Frühstück ausgiebig genießen und einfach das Hier und Jetzt leben. Das war dann auch das weitere Motto des Sonntages. Zusammen sind wir in das Stadtzentrum von Münster gefahren und haben uns dieses mit seinen zahlreichen Kirchen zusammen mit Sigrid Eichner zu Fuß erschlossen.

So, jetzt sitze ich hier und schreibe über das letzte 6h-Intervall dieses Wochenendes. Es geht Richtung Heimat und diesmal benötigten wir sogar weniger als fünf Stunden. Manche Dinge lassen sich planen und erreichen, manche eben nicht.

Nachtrag von Montag: Die Werkstatt aus Münster hat mir bestätigt, dass es ein Getriebeschaden ist. Das Auto ist 20 Jahre alt und Reparatur wäre einfach nicht mehr wirtschaftlich. Ich habe der Werkstatt, den Auftrag gegeben, das Auto zu verschrotten und es abzumelden. Ruhe in Frieden liebstes Auto.”

Eine Meldung über die Ergebnisse findet Ihr hier.

Text: Matze Weiser
Fotos: Matze Weiser und Manfred Pauly / www.lauftrainer-manfredpauly.de

 

Schreibe einen Kommentar