Langstreckenlauf-Gemeinschaft Mauerweg Berlin e. V.

Von Oberförstern und Zahnarztnot: Der Etappenlauf aus Versorgersicht

Morgens laufen alle los, abends kommen alle an: Ein Etappenlauf könnte so einfach sein. Wenn er nicht so viele – erwartete wie unerwartete – Herausforderungen mit sich bringen würde. Dem Organisationsteam rund um Rennleiter Harald Reiff fielen jedenfalls tonnenweise Steine vom Herzen, nachdem der Etappenlauf im Ergebnis so verlief, wie er sollte: Am Dienstagmorgen in Berlin liefen alle 22 Teilnehmer los. Und am frühen bis späten Samstagnachmittag kamen alle auf dem Brocken an – gesund und glücklich.

So sehen Sieger aus: Glückliche Gesichter bei Läufern und Organisatoren nach dem gelungenen Etappenlauf Berlin-Brocken. Foto: Elke Ilk

Gut, die Etappenlauf-Älteste Sigrid Eichner hatte durch einige Stürze aufgeschlagene Knie – aber sie kam an. Andreas Baur hatte große Schwierigkeiten, sich nach dem Zieleinlauf deutlich zu artikulieren – er hatte einen schlechten Tag und sich am Fuß des Brockens von wohlmeinenden Einheimischen zur Stärkung einen Schluck (oder waren es mehrere?) Schierker Feuerstein aufschwatzen lassen – aber er kam an. Und alle, ob Tages- und Etappenlaufsieger Michael Kiene, der um 14:26 Uhr durchs Ziel „flog“ oder Sigrid, die  um kurz vor sechs ankam – alle wurden von Harald Reiff aufs Herzlichste im Ziel willkommen geheißen.

Mit zwölf Litern Bier den Brocken hoch
Vorausschauend hatte der Rennleiter nicht nur den Start der langsamen Läufer für 5.30 Uhr (gähn!) angeordnet, damit sie zumindest einigermaßen zeitgleich mit den schnelleren Läufern (Start 7.00 Uhr) eintrudelten, sondern sich auch mit drei Jacken gepolstert. Denn durch den Wind auf der Höhe von 1142 Metern kühlt man auch bei prinzipiell bestem Wetter irgendwann aus. Und Nina, an jenem letzten Etappentag unter anderem für VP 5 unten am Fuß des Brockens in Schierke zuständig, hatte im gefühlt tonnenschweren Rucksack für jeden Läufer ein Zielbier den Berg hochgeschleppt – sieben Kilometer bergauf.

Überhaupt, die Verpflegung: Für die täglich vier bis fünf VPs waren täglich vier Versorgerteams unterwegs – die verantwortungsvolle Aufgabe teilten sich:

  • Jörg Levermann (der nebenbei hunderte Fotos schoss)
  • Nina Blisse (die nebenbei einkaufte, Jugendherbergdetails koordinierte oder eben Zielbier den Berg hochschleppte)
  • Tom Meier (der im Vorfeld die Übernachtungen gesucht und gebucht hatte, ungeplante Überraschungs-VPs mit Wassermelonen aufbaute und meine für Etappe 5 benötigte Laufzeit um Minuten verbesserte, in dem er mich den halben Brocken hochzog ;-))
  • Alexander von Uleniecki und Itta Olaj (die nebenbei dafür sorgten, dass die Facebook-Gemeinde immer aktuell über das Geschehen des jeweiligen Tages informiert war)
  • Gritta und Steffen Sens (die an Tag 4 und 5 nebenbei abwechselnd Sigrid mit einem GPS-Gerät begleiteten, damit sie sicher ins Ziel kam)
  • sowie mehr oder minder spontane Zusatzhelfer wie Ninas Eltern, Elke Ilk und Conny Rohwedder, die sich an Tag 5 mit um die VPs kümmerten, so dass einige der Helfer mal einen Tag laufen konnten, und Henno, der sich an Tag 5 um den Gepäcktransport (Ankunft einwandfrei) sowie einen Schlüsseltransport (Ankunft heiß erwartet) kümmerte.

Aber weiter im Text:

Keine Chance dem Hungerast - das erklärte Motto von Gritta und Steffen Sens sowie aller anderen Versorger.
Keine Chance dem Hungerast – das erklärte Motto von Gritta und Steffen Sens sowie aller anderen Versorger. Foto: Jörg Levermann

Da sich die Laufgruppe natürlich – selbst bei einem früheren Start der langsameren Läufer – im Laufe des Tages weit auseinanderzog, konnte höchstens VP 1 und VP 5 vom selben Team betreut werden. Dennoch kam es ab und zu vor, dass die schnellsten Läufer zu schnell für die Versorger waren, zumal, wenn noch etwas eingekauft werden musste… Neben den VP-Autos war ein weiteres Auto für die Rennleitung alias Harald nötig – als solche galt es, Anmeldung und Bettenverteilung für die jeweils abendliche Übernachungsstätte fertig zu haben, bis der erste Läufer im Ziel war, dann im Ziel die Zeiten der Läufer zu stoppen und zu notieren und zwischendurch ein paar Sonderaufgaben zu übernehmen.

Wie Hänsel und Gretel durch den Wald
Zu diesen gehörte es beispielsweise an Tag 1 einen aufgeregten Oberförster zu beruhigen, der Brandgefahr durch die durch seinen Forst eilenden Läufer befürchtete (ob der qualmenden Sohlen?) oder an Tag 4 einen Zahnarzt zu organisieren (besondere Herausforderung: es war Himmelfahrt und damit Feiertag) oder an Tag 3 die Neumarkierung einiger Kilometer in einem Waldstück vorzunehmen. Hier hatte der am Ostermontag erfolgte Testlauf zur Etappe gezeigt, dass der originär geplante Track nicht laufbar war.

Folge den Kreidepfeilen: Dank der notwendigen Neumarkierung hatte der Etappenlauf an Tag 3 auch etwas von einer Schnitzeljagd.
Folge den Kreidepfeilen: Dank der notwendigen Neumarkierung hatte der Etappenlauf an Tag 3 auch etwas von einer Schnitzeljagd. Foto: Sonja Schmitt

Wie sich bei der Vor-Ort-Begehung zeigte, war es die später am heimatlichen Rechner vorgenommene Alternativteilstrecke allerdings auch nicht… Die Vor-Ort-Neumarkierung – für die Harald und ich uns Hänsel- und-Gretel-mäßig mit Kreidespray eilends durch das waldige Gelände schlugen – funktionierte dann aber tadellos. Das versicherte uns Michael Kiene, der gefühlte zwei Minuten, nachdem wir die Markierung beendet hatten, bei uns und  Jörg Levermann an VP 4 ankam: „Wenn ich die Markierungen bei meinem Tempo erkennen kann, finden alle anderen sie auch!“ Und so war es – niemand verlief sich.

Nunja, zumindest nicht in dem von Harald und mir kreide-markierten Waldstück – ansonsten kamen gerade die Läufer, die ohne GPS nur mit Kartenmaterial liefen, mal von der Strecke ab, was an Tag 4 eine umfängliche, mehrere Personen umfassende Suchaktion zur Folge hatte – eine erfolgreiche, denn wie sich am Endergebnis zeigt, kamen ja alle an. Aber auch mit GPS stand man durchaus mal verloren im Wald – so wie Tom und ich an Tag 5, als wir vor lauter Quatscherei zweimal die Uhr und damit den Track aus den Augen verloren hatten. Mit einer kleinen Extraschlaufe und einem Quermarsch durch ein – glücklicherweise trockenes – Sumpfstück fanden wir aber auf den rechten Weg zurück.

Mittelalterliche Burgromantik

Seid ihr alle da? Hüter Harald, immer besorgt um seine Läuferschäfchen, hier noch alle vollzählig. Später am Abend standen zwei vor verschlossenen Burgtoren.
Seid ihr alle da? Hüter Harald, immer besorgt um seine Läuferschäfchen, hier noch alle vollzählig. Später am Abend standen zwei vor verschlossenen Burgtoren… Foto: Jörg Levermann

Mittelalterlich ging es am Ziel der Etappe 2 zu, die auf Burg Rabenstein endete. War es Harald noch spontan gelungen, schnell vom letzten VP noch ein paar Liter Wasser zu organisieren, damit die Läufer nach dem Zieleinlauf – eine schön steile Holztreppe, kleiner Vorgeschmack auf die Etappe 5 – nicht ganz darben mussten, stellte sich bald ein neues Problem raus: Der Handyempfang war gleich null. „Hier können Sie mal völlig abschalten und entspannen, ist das nicht schön?“ fragte freudig die Herbergsleitung. Harald, dessen Handy nun mal die zentrale Notruf- und Orga-Problemlösungs-Nummer für alle war, fand die Situation dagegen weniger entspannend. Zum Glück gingen jenen Tag keine „Notrufe“ ein.

Später am Abend stellte der mangelnde Handyempfang, kombiniert mit verschlossenen, klingelfreien Burgtüren, auch Itta und Alex vor ein massives Problem: Spät von einem abendlichen Ausflug zurückgekehrt, kamen sie nicht mehr in die Burg, geschweige denn ins Schlafgemach. Alle Fenster burgmäßig in über zehn Metern Höhe und keine Rapunzel weit und breit – so waren sie genötigt, nach einer alternativen Schlafgelegenheit zu suchen. Gut, wenn man als Läufer allerorten jemanden kennt…

Singende Läuferzwillinge sorgen täglich für Spaß an den VPs
Lobend zu erwähnen gilt es noch die Flexibilität der Jugendherbergen hinsichtlich des Frühstücks – manche ließen uns früher frühstücken als im Plan vorgesehen, manche ermöglichten neben dem bereitgestellten Lunchpaket das Zusammenstellen eigener Brote aus dem Abendbuffet und lagerten die individuell gepackten Päckchen im Kühlhaus. Dass die Läufer und Versorger sich gegenseitig wo-immer-nötig unterstützten – durch das Verleihen von Sonnencreme, das Tapen empfindlicher Körperstellen und die ständige gegenseitige Motivation – lief so selbstverständlich, dass ich zu erwähnen es fast vergessen hätte.

Weib und Gesang: Die Läuferzwillinge Gabriele Eisele und Martina Ramthun stimmten täglich neue Lauflieder an - und siegten am Ende in der Frauenwertung.
Weib und Gesang: Die Läuferzwillinge Gabriele Eisele und Martina Ramthun stimmten täglich neue Lauflieder an – und siegten am Ende in der Frauenwertung. Foto: Jörg Levermann

Spaß hatten wir mit ein paar kindlichen Sportfans, die sich von den gelaufenen Kilometern mehr als beeindruckt zeigten („300 Kilometer? Das sind ja, boah, dreihundert Mal tausend Meter, wieviel Meter sind denn das?! Alter, da muss ich erstmal überlegen!“) und unsere Läuferliste daraufhin prüften, ob sie nicht „vielleicht wen kennen“.  Und die täglich neuen Liedkreationen von den singenden Läufer-Zwillingen Martina Ramthun und Gabriele Eisele werden uns wohl noch lange verfolgen…: „Jetzt wollen wir laufen, fünf Tage lang, jetzt wollen wir laufen, so ein Spaß! Es wird genug für alle sein – wir laufen zusammen, keiner läuft allein, wir laufen zusammen, nicht allein!!“

"Wir laufen zusammen, keiner läuft allein" - naja, zumindest musste das keiner, der nicht wollte ;-). Bild: Sonja Schmitt
“Wir laufen zusammen, keiner läuft allein” – naja, zumindest musste das keiner, der nicht wollte ;-). Bild: Sonja Schmitt

Nein, alleine laufen muss man mit der LGM eigentlich nie, das ist ja das Schöne. Und so fanden sich über die Tage des Etappenlaufs immer verschiedene Teams zusammen, manche liefen täglich mit demselben Partner, in derselben Gruppe, manche wechselten. Spaß hatten alle, wie sie auf der Siegerehrung am Samstagabend in der Schierker Jugendherberge versicherten. Da liegt es auf der Hand, dass es auch 2017 wieder einen Etappenlauf geben wird – lasst euch überraschen!

PS: Wie die Tage aus Läufersicht abliefen, davon erzählt Etappenläufer Kay Thormann in seinem Laufbericht über Berlin-Brocken.

Text: Sonja Schmitt; Fotos: Elke Ilk, Jörg Levermann, Sonja Schmitt